"Place, Faces, Traces", die neue CD von Chop Gelado

Was für ein Ton!

von Michael Wüst

Places, Faces, Traces. Foto: Paulo Alves

Brasilianische Militärdiktatur, kubanische Revolution und das Abklingen der McCarthy-Ära führten Ende der 50er Jahre in den USA zum Aufkommen einer neuen Welle, portugiesisch: Bossa Nova.  Frank Sinatra sang plötzlich mit einem der Väter der "neuen Welle", Antonio Carlos Jobim  "I Concentrate on You" von Cole Porter im neuen Stil. Und Stan Getz, der vormalige Bebopper wurde berühmt mit João Gilberto und "The Girl Of Ipanema", das einfach nie hinschaut, egal was der Mann für Pfauenräder schlägt. Getragen vom Groove der südlichen Hemisphäre ist auch die neue CD von Tom Reinbrecht (Saxes) und Paulo Alves (Vocals, Guitar).

Beide sind schon durch viele Duo-Auftritte bekannt geworden, beide schreiben und arrangieren. Mit Matthias Bublath (Piano, Keyboards), Patrick Scales (Electric Bass) und Thomas Simmerl (Drums) wurde aus dem Duo die Band "Chop Gelado", was soviel heißt wie "kühles, frisch Gezapftes". Und außerordentlich erfrischend kommt auch "Places, Faces, Traces", die neue CD, daher. Wobei dem gewöhnlich erst nach Mitternacht wach werdenden, kauzigen Bohémien  João Gilberto, dem "O Rei da Bossa", "O Mito", "O Zen-Baiano" das Erfrischende ja gar nicht im Sinn stand. Er säuselte und wisperte durch die Nase, vermied jede direkte Emotion und jedes Vibrato, worüber sein Vater, ein Be-Canto-Fan sagte:  “This isn’t music - It’s nhenhenhém.” Gelangweilt war sexy und offensichtlich galt das auch für Männer. Gleich die erste Nummer "Smiles From My Grandpa" von Paulo Alves hat dagegen nichts von den frühen Morgenstunden in einem Club, eine frische Brise weht herein und kühlt die heißen Straßen und lässt die farbige Wäsche auf den Balkonen flattern.

Tom Reinbrecht, Paulo Alves. Foto: Lina Semmelroggen

Nach einem leicht One-Note-lastigen Intro auf dem Sopransax, das mit bestechender Intonation und mit dem nötigen Quantum Luft im Ton brillant hoch aufsteigt und sich in der Höhe leichthin auflöst, hebt mit dem Einsetzen von Thomas Simmerl ein Maraca-Samba-Teppich ab, auf dem Paulo Alves' Stimme mit Heiterkeit durch die sich abkühlenden Straßen schwebt. Vielleicht Straßen der Erinnerung, wie der Titel ja unterstellt. Mit dem Lächeln seines Großvaters auf dem Teppich unterwegs durch die Straßen von Lisboa, Rio oder Bahia del Salvador.

Wahrscheinlich kann man in einem Münchner Winter diesen Song nicht hören, ohne in Tränen auszubrechen. Mit "Noite Na Varanda" tanzt die Scheibe weiter und schaut in andere Viertel der Stadt der Musik. Das Altsaxophon steigt wieder strahlend hoch und bluesig ein and the Living is easy. Was für ein Ton! Ein geheimes, unterschwelliges Vibrato hellt zusätzlich auf, schiebt nach und gibt dem steilen Ton noch mehr Auftrieb. Oben bleibt er stehen wie ein Drachen, das Altsaxophon kann ihn alleine lassen und steigt in Balladenquinten ab, um im rechten Moment mit einer Raketenskala ihn in der Höhe wieder abzufangen. Über der Stadt der Musik ist eine fantastische Termik für Töne, es geht ganz ohne Kraft hinauf, hinab und hinauf. Töne, die wie Vögel den Abend verwandeln. Dazu gesellt sich ein italienischer Slow Fox, der in der Mitte des Stücks sich anscheinend kurz von Gato Barbieri nach Paris entführen lässt.

Aus einem Hauch von Düsternis holt uns Tom Reinbrecht mit Benny-Carter-Blues wieder heraus und Paulo Alves bringt uns zurück mit lachender Stimme auf die Veranda auf ein frisches Chop Gelado. Noch haben wir eine Nacht im Süden. Nachdem ein Streichquartett in "Do You See Me Too" es übernommen hat den abseits Trinkenden an die Liebe zu erinnern, und Paulo Alves in den nachtblauen Himmel träumt wie Frank Sinatra bei "The Very Thought Of You" und dabei seine Klasse als Interpret auf der Höhe des Great American Songbooks zeigt, kommen wir zu "Jerusalem Nights". Das gestochen scharfe Thema einer Art Pasodoble wird in windmühlenartigen Turnarounds in chromatischen Auf- und Ab-Bewegungen und Spiegelungen aus den engen Gassen herausgehoben und erlaubt Matthias Bublath an Klavier und Keyboard einen abendländischen Blick in den klassischen Modern Jazz zu werfen, bevor wieder so eine Samba-Windhose mit Unisono Klavier-Stimme à la Tania Maria das ganze klare Bild verweht. Eine tolle Nacht mit Chop Gelado geht zuende. Es ist langsam Zeit wieder auf den Teppich zu steigen, um nach Bahia del Salvador zu fliegen und João Gilberto ins Bett zu bringen.

Release-Party am 21. Juli 2016 im Filmcasino.

Veröffentlicht am: 16.07.2016

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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