Zur Geschichte der Migration an der Isar

München und seine Minderheiten – eine endlose Geschichte

von Karl Stankiewitz

Tag und Nacht wird hier migriert - Münchner Bahnhofsviertel. Foto (mit einem Filter von Vignette): Michael Grill

„München ist eine weltoffene, tolerante und bunte Stadt. Menschen vieler Nationen, Kulturen und Religionen sind hier zu Hause. Humanität, Solidarität und Demokratie sind die Grundwerte, die unser kommunales Zusammenleben tragen. Das Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft gehört zur Geschichte unserer Stadt und wird ihre Zukunft sein. Wir setzen uns entschlossen für Menschenwürde, kulturelle Vielfalt und Freiheit ein.“ Mit dieser Resolution beantwortete die große Mehrheit des Münchner Stadtrats am 1. Oktober 2014 den Versuch einer extremistischen Gruppe, ihr Mütchen wieder einmal an einer Minderheit anderen Glaubens zu kühlen. Dem Autor Karl Stankiewitz bot sie Anlass, einige Grundgedanken zu formulieren für ein schon seit langem geplantes Buch mit dem Arbeitstitel „Bürger am Rande. München und seine Minderheiten“.

Schon wahr, Toleranz herrschte in dieser Stadt über all die Jahrhunderte, unter fast allen Regimen. Und sogar mehr als Toleranz ist den altansässigen und neuen Bewohnern Münchens von Mensch zu Mensch stets zuteil geworden: Verständnis, Schutz und Hilfe für die freiwillig oder unfreiwillig Zugewanderten und Andersartigen, für die Armen, Leidenden, Obdachlosen, Asylsuchenden.

München war und ist Heimat für alle – auch für alle „Anderen“. Menschen, deren Sprache, Religion, Nationalität, Sexualität, Weltanschauung, Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, körperliche oder geistige Verfassung, Lebens- oder Arbeitsweise nicht den Normen der angestammten Bevölkerung entsprechen, hat die attraktive, dynamische Haupt- und Residenzstadt allzeit magisch angezogen, beherbergt und eingebürgert. Jene haben Minderheiten gebildet, viele dieser „Andersartigen“ haben sich organisiert. Die Stadtgesellschaft hat sie toleriert, integriert und zu eigenem Nutzen gefördert - früher oder später, mehr oder weniger.

Derartige Prozesse der Verschmelzung vollzogen sich, verfolgt man die Stadtchronik, besonders in den Epochen kultureller oder wirtschaftlicher Blüte sowie in kriegerischen Zeiten. Es gab und gibt aber auch Minoritäten, denen von vornherein Misstrauen und Missachtung begegneten, die systematisch ausgegrenzt wurden, die nicht selten mit Duldung der Obrigkeiten verfolgt und aus dem „Schmelztiegel München“ eliminiert wurden. Die Abwehr des „Abnormen“ war durchaus nicht die historische Ausnahme, sondern zeitweise geradezu die  bürgerliche Normalität.

Wiederum andere wurden durch Selbstverschulden oder durch „des Geschickes Mächte“ isoliert oder an den Rand der Gesellschaft, teilweise buchstäblich an den Rand der Stadt gedrängt. Zu diesen unbequemen Außenseitern gehörten etwa auch die Schwerkranken, die Gefangenen und die ärmsten der Glückssucher, wie sie als sogenannte Tagelöhner heute noch oder heute wieder auf den Arbeitsmarkt drängen – und allein dadurch Emotionen wecken.

So haben sich in der Wachstumsregion München neben dem eigentlichen Bürgertum allerlei Parallelgesellschaften festgesetzt und ausgebreitet.

Deren Geschichte reicht zurück bis zur Stadtgründung. Der Braunschweiger Heinrich der Löwe war ja bereits auf ein kleines Bevölkerungskollektiv gestoßen, das nach dem heute so modischen Begriff einen Migrationshintergrund hatte: auf Mönche, wie sie sich, oft aus Irland kommend, seinerzeit im Alpenvorland niedergelassen und als erste Missionare betätigt hatten.

Dann, im Mittelalter, war München ein beliebtes Wanderziel für Juden, für „Ägyptenleute“ (bald hießen sie Zigeuner) und andere Fremde, die man später pauschal als „Nichtarier“ denunzierte. Im 19. Jahrhundert wurde die Stadt ein großes Auffangbecken für Arbeitssuchende und Asylanten. Sie wurde auch Tummelplatz für Aufklärer, Sektierer und Revolutionäre allen Kalibers. Organisierte Kommunisten, wie sich die revolutionären Sozialisten ab 1918 nannten, wurden noch in der Adenauer-Zeit diskriminiert.

Jahrzehnte der Toleranz und des friedlichen Zusammenlebens wechselten mit Ausbrüchen von Angst und Vorurteil, von Hass und Hysterie. Verstärkte Zuwanderungen, wirtschaftliche, industrielle und demografische Entwicklungen erforderten immer wieder neue Standards. Die latent feindlichen Auseinandersetzungen zwischen der Mehrheit und den meisten Minderheiten erreichten - nicht nur in München, aber hier besonders - einen traurigen Höhepunkt in der Ägide des Nationalsozialismus; die Folgen werden heute noch abgearbeitet.

So hat denn auch das Gegenteil von Toleranz und Empathie immer wieder den Organismus der später so genannten „Weltstadt mir Herz“ vergiftet: kleinliche Ablehnung, egoistische Ausgrenzung, Unterdrückung, Verfolgung, Rassismus, Fremdenhass bis hin zur Idee und Realisierung physischer Vernichtung. So wie die Minderheiten wechselten, so wechselte der Umgang mit ihnen. München, die Fremdenverkehrsmetropole, war und ist in dieser Art des Umgangs mit dem Fremden nicht besser und nicht schlechter als andere Stadtgemeinschaften. Bürger und Behörden, aber auch Presse und verantwortliche Politiker könnten sich Schuld und Verdienst teilen.

Viele dieser Minoritäten und viele ihrer Exponenten verursachten Unruhe allerdings nur für eine begrenzte Zeitspanne, indem sie jeweils bestimmende Maximen oder Werte in Frage stellten und das bürgerliche Establishment herausforderten. Oft mischten sie sich – zum Beispiel die ersten eingewanderten Protestanten - nach Abklingen von Antipathie und Gegenwehr vollkommen mit der Mehrheit. Was man heute Integration nennt.

Übrigens waren es fast immer einzelne Bürger oder Bürgerinitiativen und weniger die städtischen Apparate, die sich für bedrohte Minderheiten als erste eingesetzt haben. Für sehr unterschiedliche Minderheiten, die wiederum vielfach miteinander verflochten waren.

Nicht selten wären solche Subgesellschaften und einzelne Personen, wollte man sie klassifizieren, mehreren Gruppen zuzuordnen. Musterbeispiel: jüdische Sozialisten, manche vielleicht auch noch zugewandert oder homosexuell. Sie waren, insbesondere in der absolut anti-toleranten Zeit des Nationalsozialismus, in der Regel doppelt oder dreifach bedroht. Ein anderes Beispiel: Rosa Luxemburg, die gelegentlich auch in München auftrat, war Migrantin aus dem Osten, Jüdin, Pazifistin, Frauenrechtlerin in einer Person und obendrein behindert. Ja, auch Schwerkranke und Schwerbehinderte gehörten zeitweise zu jenen diskriminierten Minderheiten, die man heute „Opfergruppen“ nennt und gelegentlich durch Mahnstätten ins öffentliche Gedächtnis rufen muss.

 

Die Stadt München bietet eine Hotline an für alle, die Flüchtlingen aktuell helfen möchten. Infos auf den Webseiten der Stadt.

 

Veröffentlicht am: 20.10.2014

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