Andreas Giebels „Das Rauschen in den Bäumen" im Lustspielhaus

von Michael Wüst

Andreas Giebel Foto: Veranstalter

Heile Welt Kabarett! Andreas Giebel feiert das Richtfest eines satirischen Schreber-Kosmos mit seinem neuen Programm „Das Rauschen in den Bäumen“ im Lustspielhaus. Schwabing, das als „Wahnmoching“ schon einmal mit Peter Paul Althaus einen eigenen spirituellen Oberbürgermeister hatte, ist auch heute noch ideales Bauland für Wortkulissen.

Gleich zu Beginn, man weiß noch nicht wo Giebel, alias Herr Hiebl, sich befindet, außer auf der Bühne, erweist sich seine Verwirrung und Unsicherheit über die Frage nach der Realexistenz von heutigen Politikern als hochaktuell.

Natürlich denkt man sofort an den schwarzen Baron. „Gutti“, rundgelutscht auf Boulevardmedienniveau, hatte ja kurz nachdem ihm der akademische Grad aus der Hose gerutscht war, einen nichts desto trotz frenetisch bejubelten Auftritt im Hessischen. „Ich bin nicht das Plagiat“, sagte er. Hinzuzufügen wäre vielleicht: auch wenn es so aussieht.

Andreas Giebel, berüchtigt liebevoller Beobachter der kleinen Leute, ist wie ein Gulliver gebeugt über Spielzeug, stapft durch alltäglichen Wahnsinn, bleibt weder stehen, noch holt er Luft, hinterfragt nichts, nimmt zur Kenntnis und geht weiter, verstrickt sich. Politiker tauchen in Giebels Matrix nur in Zusammenhang mit einer Frage auf, nur eines bewegt den Zweidimensionalen: die da immer sitzen, bei den Maischbergers, Wills, Plasbergs, stundenlang, wann gehen die bitte aufs Klo? Die sitzen doch da die ganze Woche über in ihrem Kuriositätenkabinett! Daher die Frage: Wird dort mit „Brunzkomparsen“ gearbeitet? Fragt Hiebl und setzt das blödeste Gschau aller Zeiten auf. Wuaaah. Das Publikum ist über jede Derbheit des bayrischen Gulliver zutiefst dankbar. Vielleicht ist er ja selbst auch der Bewohner einer satirischen Kulisse.

Für den Aufriss seiner Wortkulisse, bei deren Wänden sich Geschichten abspielen sollen, braucht Giebel eine ganze lange erste Hälfte. Er taumelt über Flughäfen, verklemmt sich in Sitzen, verrennt sich in Supermärkten, kommt zwischen Waldpilzsuppe und WC-Steinen in die Klemme. Er kennt keine Ruhe, keine Pause.

Erzählt von Glukowatz, dem Pointilisten, dem Doktor Perrenker und Lydia, der Schönen aus dem Blumenladen. Um einen Karl-Dingshammer-Platz gruppieren sich ein paar Läden, die Kneipe heißt „Wesereck“ und irgendwo steht die Parkbank mit dem Penner Klaus, der ein zahnloses „Erkennen Sie Melodie“-Spiel spielt. Mhmhmmhm, was ist des? „Highway to Hell?“ Mhm.

Außerdem gibt es noch eine kasachische Zugehfrau mit Namen Mossolow und einen Graciano, die einzige Figur, die Giebel mühsam mit leisem Mafioso-Gekrächze spielt. Ja, und da gibt es noch einen Professor im Wesereck, der ständig alles laminiert, mit Plastik verschweißt und gegen einen kleinen Fuhrmann, das ist schlechter Rotwein mit Cola, alle möglichen Aufträge übernimmt. Und halt, da gibt es ja noch den Bestatter Jan Kubizky, der alle drei bis vier Minuten zum Pinkeln raus muss. - Der Erfinder der Brunzkomparsen-Verschwörungstheorie?

Irgendwann stirbt der Pointilist und die Portraits von Lydia und Hiebl hängen irgendwie verliebt im Schaufenster, und beim Penner Klaus entdeckt Hiebl auf der Parkbank das Rauschen in den Bäumen.

Und irgendwie hat es in dem ganzem Plot ziemlich gezogen.

Veröffentlicht am: 24.02.2011

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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