Zur Aufführung von „Dear Moldova, can we kiss just a little bit?“ bei Radikal Jung

Küssen dürfen – ohne vorher um Erlaubnis zu bitten

von kulturvollzug

Essen is fertig! Foto: Produktion

Jessica Glause bringt mit einem dokumentarischen Theaterstück das Thema Homosexualität in Moldawien auf die Bühne des Münchner Volkstheaters. Ihre Darsteller sind Stellvertreter – für die Schwulen und Lesben, die keine Stimme haben.

Dass Homosexuelle es in Moldawien nicht leicht haben, klingt fast noch zu euphemistisch. Sie müssen ein Doppelleben führen, lügen und sich verstecken. Weil man sie und ihre Sexualität nicht akzeptieren will. Dabei ist gleichgeschlechtliche Liebe in Moldawien seit 1995 offiziell legal. Davon und von dem 2012 verabschiedeten Antidiskriminierungsgesetz ist in der gesellschaftlichen Realität des Landes jedoch nichts zu spüren. Jessica Glause lässt in ihrem dokumentarischen Theaterstück „Dear Moldova, can we kiss just a little bit?“ Laiendarsteller aus Moldawien zu Wort kommen, die sich für die Akzeptanz von Homosexuellen in ihrer Heimat einsetzen.

Die Regisseurin hat für das Stück mit der moldawischen Autorin Nicoleta Esinencu zusammengearbeitet. Beide haben in dem Land recherchiert und mit Betroffenen gesprochen. Premiere feierte ihre Produktion im alternativen Teatru Spalatorie in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens. Glause bezeichnet dieses freie Theater im Kulturvollzug-Interview (Link siehe unten) als „Widerstandszelle“ mit einem für moldawische Verhältnisse sehr aufgeschlossenem Publikum. Später ist das Stück am Staatsschauspiel Dresden gezeigt worden – und jetzt im Münchner Volkstheater beim Festival Radikal jung.

Sechs Moldawier sitzen auf der Bühne. Zwei junge Männer und eine junge Frau, ein mittelaltes Hetero-Ehepaar sowie ein alter Mann. In die weiß-blaue Kachelwand des Bühnenraums ist ein Kühlschrank eingelassen. Bald brodelt auf dem Herd der Borschtsch, für den die sechs gerade gemeinsam Gemüse geschnippelt haben. Der heimelige Geruch nach Suppe breitet sich nach und nach im Zuschauerraum aus. Später, nach dem Stück, wird man das Publikum zum Borschtsch-Essen in die nach Deutschland versetzte moldawische Küche einladen. Aber auch das, was die Leute auf dieser Bühne zu sagen haben, soll nicht im Privaten bleiben.

Einer der jungen Männer erzählt von seiner Mutter, die mit 28 Jahren gemerkt hat, dass sie lesbisch ist, und dem Vater, der ihn und die Mutter deswegen verprügelt hat. Das Ehepaar berichtet, wie es herausfand, dass der Sohn Männer liebt und davon, was für ein Schock das war. Die junge Frau erzählt von ihren Erfahrungen als Lesbe in Moldawien. Liebe zwischen zwei Frauen wird dort überhaupt nicht gerne gesehen. Jedoch ist die Situation für homosexuelle Männer noch schwieriger. So ist der einzige Mann auf der Bühne, der schwul ist, ein 80-jähriger ehemaliger Opernsänger, den niemand mehr für sein öffentliches Outing angreifen wird. Einen jungen Schwulen, der sich im Theater hätte äußern wollen, hat Glause für ihr Stück nicht gefunden. Deshalb musste die Regisseurin auf einen Schauspieler zurückgreifen. Die fünf anderen Darsteller sind Laien. Doch im Prinzip sind sie alle Stellvertreter – für die Schwulen und Lesben Moldawiens, die keine Stimme haben.

Gleichgeschlechtliche Liebe ist in ihrem Land ein Tabu. Sie gilt als Fehler der Natur und als Laster. Homosexuelle werden bedroht, misshandelt, schikaniert und ausgegrenzt - ein schwieriges Theater-Thema. Doch Glause macht daraus einen tatsächlich unterhaltsamen Theaterabend mit äußerst sympathischen Darstellern. Die beweisen Mut, indem sie offen über die Situation von Schwulen und Lesben in Moldawien sprechen und nicht davor zurückschrecken, eine Reaktion zu provozieren. Sowohl im homophoben Moldawien als auch im vergleichsweise liberalen Deutschland werden die Zuschauer dazu gebracht, ihre Grenzen zu hinterfragen oder zu überprüfen, wie weit ihre Offenheit tatsächlich reicht.

Dem Stück fehlt es weder an Courage noch an Humor. Der 80-Jährige, der gerade wegen seiner Textaussetzer sehr liebenswert ist, macht einen anzüglichen Witz nach dem anderen. Und der Familienvater, der sich wegen seiner Schwäche für Süßigkeiten die Sticheleien seiner Frau anhören muss, gibt mit wasserstoffblonder Langhaarperücke die wilde Lady Gaga.

„Liebes Moldawien, verzeih mir, mein Sohn ist schwul“, sagt die Mutter, die das Wort „schwul“ nicht kannte, als sie erfuhr, dass ihr Sohn homosexuell ist. Sie kannte nur „Schwuchtel“.

Die Homosexuellen und ihre Angehörigen und Freunde fordern Akzeptanz und das Recht, sich küssen zu dürfen, und zwar ohne vorher einen Dritten um Erlaubnis bitten zu müssen. „Dear Moldova, can we kiss just a little bit?“ macht deutlich, wie wichtig es für Schwule und Lesben ist, akzeptiert zu werden. Von der Gesellschaft, aber vor allem von der eigenen Familie. Und das gilt nicht nur für Moldawien.

Ana Maria Michel

Eine weitere Vorstellung von „Dear Moldova, can we kiss just a little bit?“ ist bei Radikal jung heute am 10. April 2014 um 18 Uhr zu sehen. Das Stück findet in rumänischer und russischer Sprache mit deutschen Übertiteln
statt. Das Festival läuft noch bis zum 13. April 2014 im Volkstheater. Mehr Informationen unter www.muenchner-volkstheater.de.

Der Kulturvollzug veröffentlichte bereits ein Interview mit Jessica Glause.

Veröffentlicht am: 10.04.2014

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