Abdullah Kenan Karaca über seinen "Gatsby" im Volkstheater

„Nur Liebesgeschichte und Glamour interessieren mich nicht"

von Gabriella Lorenz

Körpersprache eines Nobody? Jacob Geßner, Max Wagner. Foto: Daniel Delang

Mit elf stand der türkische Bub bei den Oberammergauer Passionsspielen auf der Bühne, mit 20 wurde er Regieassistent bei Christian Stückl am Volkstheater, vor anderthalb Jahren gab er dort sein Regiedebüt. Seine Inszenierung „Arabboy“ war ursprünglich als Produktion für den Jugendclub gedacht - jetzt steht sie immer noch auf dem Spielplan. Inzwischen studiert der 24-jährige Abdullah Kenan Karaca in Hamburg Regie und inszeniert nun zum zweiten Mal am Volkstheater: „Der große Gatsby“ hat heute (15.10.2013) auf der Kleinen Bühne Premiere. Max Wagner spielt den Millionär Gatsby, Constanze Wächter dessen große Liebe Daisy.

Der 1925 erschienene Roman von F. Scott Fitzgerald gilt als kritisches Gesellschaftsporträt der Roaring Twenties in Amerika. Mehrmals wurde er verfilmt, zuletzt mit Leonardo DiCaprio, davor 1974 mit Robert Redford in der Rolle des schwerreichen, undurchsichtigen Lebemanns Jay Gatsby. Der will unbedingt die Frau zurückerobern, die er fünf Jahre zuvor wegen des Krieges verlassen musste, und die einen anderen geheiratet hat. Dafür hat er sich in Daisys Nähe eine protzige Villa gebaut und feiert rauschende Parties. „Man kann den Roman als Liebesgeschichte und als Gesellschaftskritik lesen, wie man will“, meint Abdullah Karaca. „Nur die Liebesgeschichte und der Glamour interessieren mich nicht. Mir ist wichtig, dass Gatsby ein Nobody ist, der sich selbst optimiert. Seine Existenz basiert auf Lüge, er hat eine andere Identität angenommen, weil er raus wollte aus den kleinen Verhältnissen. Was verändert ein Nobody in dieser Gesellschaft? Alles, komplett. Er ist ein Störfaktor für jeden.“

Gatsby will mit allen Mitteln das Rad der Zeit zurückdrehen, aber Daisy entscheidet sich, bei ihrem Mann zu bleiben. „Er will die Vergangenheit wiederholen, doch Daisy kann nicht fünf Jahre  einfach ausradieren“, sagt Karaca. „Für ihn gibt's zu dieser Frau keine Alternative. Er kämpft für seinen Traum. Ich stelle die Frage, wie egozentrisch ist das von ihm gedacht? Mir ist dieser romantische Gedanke fremd, ich glaube nicht an die große Liebe. Aber ich suche die Auseinandersetzung mit Dingen, die ich nicht verstehen kann. Deshalb reizen mich solche Figuren, die behaupten, es gebe nur die eine und keine andere. Das grenzt an Obsession, und was das nach sich zieht, interessiert mich mehr als die romantische Idee.“

Karaca findet das Lebensmodell Gatsbys spannend, seine Manipulationen, das fast krankhafte Verfolgen eines Ziels nach dem Motto: Man muss alles probieren und sich nicht mit dem Bestehenden abfinden. Der Regisseur will die 20er Jahre nicht gewaltsam ins Heute verpflanzen. Kriegstraumata und Börsenspekulationen gäbe es genauso wie damals, nur die Frauen seien heute emanzipierter. Anders als im Roman gibt es auf der Bühne keinen Erzähler: „Wir verhandeln alles dialogisch.“

Obwohl er in Deutschland geboren ist, hat Karaca keinen deutschen Pass. Nach seinem Abitur beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft - doch da verlangte man von ihm noch einen Deutschkurs. Das lehnte Karaca ab und behielt den türkischen Pass. In Ankara studierte er Germanistik und Literatur und lernte dabei die Türkei anders kennen als vorher. Man prophezeite ihm gute Karriere-Chancen als Dozent oder Dolmetscher. Aber er kehrte doch nach München zurück: „Deutschland aufzugeben, fiele mir schwer. Ich möchte mich nicht für das eine oder andere Land entscheiden müssen. Ich fühle mich zu beiden Kulturen hingezogen. Aber ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich bin ein Oberammergauer Türke.“

Beim Regiestudium in Hamburg ist seine Assistenten-Erfahrung nützlich, wenn auch der Schwerpunkt woanders liegt: „Als Assistent musst du alles organisatorisch zusammenhalten, als Regisseur bist du Impulsgeber.“ Auch die Tatsache, mit „Arabboy“ eine erfolgreiche Inszenierung gestemmt zu haben, „hilft in verzweifelten Momenten“. Hamburg findet er eine tolle Stadt, aber: „Bayern vermiss' ich schon. Wenn ich jemand Bayerisch reden höre, habe ich Heimatgefühle.“

Volkstheater, Kleine Bühne, heute (15.10. 2013) und morgen (16.10.2013), 20 Uhr,  Telefon 523 46 55

Veröffentlicht am: 15.10.2013

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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