Die Beuys-Affäre von 1980

Als der „Müllmann“ kam oder Wie München seine „Wunde“ zeigte

von Karl Stankiewitz

Joseph Beuys, zeige deine Wunde, 1974/75 (c) Joseph Beuys Estate/VG Bild-Kunst, Bonn 2013/Foto: Florian Holzherr, Lenbachhaus

Relativ spät, 1976, und erst mal im Untergrund konnte der Düsseldorfer Kunstrevolutionär Joseph Beuys in der Kunststadt München, wo er seit 1965 immerhin viele seiner 550 Multiples entworfen hatte, öffentlich in Erscheinung treten. In Zusammenarbeit mit der Galerie Schellmann & Klüser präsentierte die Städtische Galerie zwar nicht in ihrem Lenbachhaus, sondern im düsteren, wenig besuchten Maximiliansforum die raumfüllende Installation „zeige deine Wunde“.

Zu zeigen waren da zwei Leichenbahren sowie mehrere Metallkästen, Tafeln und Einmachgläser, in denen Vogelschädel, Fieberthermometer und anderes medizinisches Gerät zu erkennen waren. Sein Werk bleibe nicht bei der Verwundung stehen, kommentierte der Künstler, sondern enthalte auch Andeutungen, dass die Todesstarre überwun-den werden könne. Tatsächlich hatte Beuys, der 1944 als Kampfflieger auf der Krim abgestürzt und schwer verwundet worden war, oft an Depressionen gelitten, die er um 1958 nach aktiver Feldarbeit überwand.

In München und darüber hinaus führte das Kunstwerk alsbald zu lang anhaltenden Auseinandersetzungen. Sie spitzten sich zu, als die Städtische Galerie die „Wunde“ für 27000 Mark ankaufte und im Januar 1980 vom Künstler selbst im Lenbachhaus inszenieren ließ. Dies bedeute für die Galerie den Durchbruch von einer lokalen zu einer „national und international agierenden Institution“, verkündete Münchens progressiver Kulturreferent Jürgen Kolbe, der bald „eine Art Kulturkampf“ erleben sollte. Er als Amtsträger und der Galeriedirektor Armin Zweite, der heute das Museum Brandhorst leitet, wurden wüst beschimpft.

Beuys selbst, den Zeitungen gern als komischen „Mann mit Hut“, als „Schmerzensmann“ und schließlich als „Müllmann“ karikierten, sagte bei der Eröffnung nur: „In diesem Konzert der Dinge spreche nicht ich, sondern die Dinge haben ihre eigene Sprache. Das zu erfassen kann man niemandem abnehmen.“  Erst später erläuterte er in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ seine Idee: „Eine Wunde, die man zeigt, kann geheilt werden.“  Doch sogar Kultur- und Mandatsträgern fehlte zunächst jedes Gespür dafür, dass in dem „rekonstruierten Krankenzimmer“ auch die Krankheit der Gesellschaft, dass Alter und Sterblichkeit ihren zeitgemäß künstlerischen Ausdruck finden sollten.

Am Anfang lief da einiges schräg und schief zwischen Joseph Beuys und München und dem Lenbachhaus (Foto: Achim Manthey)

„Der teuerste Sperrmüll aller Zeiten“ – dieses Verdikt aus Malermund wurde in Teilen der Szene zum geflügelten Wort. Besonders zornig gebärdete sich Münchens bereits hoch umstrittener Kreisverwaltungsreferent Peter Gauweiler. Dem notorischen Sitten-wächter erschien der „Müll“ als Markenzeichen eines von ihm gegeißelten Kulturverfalls. Der Landtagsabgeordnete Richard Hundhammer, ebenfalls CSU und Abkömmling des einst tiefschwarzen Kultusministers Alois Hundhammer, reichte wegen des Ankaufs sogar Aufsichtsbeschwerde bei der Regierung von Oberbayern ein.

Gespött und Gezänk schwanden erst, als Rang und Bedeutung des Künstler Joseph Beuys allmählich über die engere Kunstwelt hinaus manifest wurden. Fortan spielte das öffentliche Geld auch keine so emotionale Rolle mehr bei der Bewertung seiner Werke. Das Land Hessen zum Beispiel bezahlte 1989 für eine seiner Installationen ganze 16 Millionen Mark.

Der Kulturkämpfer a. D. Kolbe blickte 1997 noch einmal mit Zorn zurück auf seine kommunalpolitischen Kollegen. Denen von der CSU bescheinigte er eine „gehörige Ladung von Hass auf die Moderne“, der SPD kreidete er eine Mischung von Desinteresse und Unverständnis an. Immer noch werde kommunale Kunstförderung als Kunst-verhinderung verstanden und öffentliche Geselligkeit als öffentliche Kunstübung.

Als Kolbe 2008 starb, widmete ihm auch sein Widersacher Gauweiler einen würdigen Nachruf. In einem Brief an die „Abendzeitung“ rückte er ab von seinen damaligen „Attacken“ gegen Kolbe, Zweite und Beuys. Dabei sei wahrscheinlich auch Eifersucht im Spiel gewesen, „weil das, was wir Konservativen der Stadt gaben oder geben wollten, bei den Kultureliten der Presse nicht so ankam“.

Karl Stankiewitz ist Autor des kürzlich im Volk Verlag erschienenen Buches „Die befreite Muse. Münchner Kunstszenen ab 1946“.

Veröffentlicht am: 01.06.2013

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Oskar Holl
01.06.2013 15:37 Uhr

Sehr erfreulich, so etwas zu lesen.

Chapeau, Herr Staniewitz!

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