Vom Leidensweg der Sinti und Roma

Es begann in Bayern

von Karl Stankiewitz

Auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus wird den verfolgten und getöteten Opfern der Sinti und Roma gedacht (Foto: Archiv Achim Manthey)

Im März 1943 gab es die ersten Transporte von Sinti und Roma in Konzentrationslager. Der letzte Überlebende des langen Leidensweges der Münchner Sinti erinnert sich.

Am 8. März 1943 um 5 Uhr früh wurde die Familie Höllenreiner in ihrer Wohnung im Münchner Stadtteil Giesing, wo sie seit den 1920er JAhren gut beleumdet lebte, festgenommen und ins Polizeipräsidium gebracht. Fünf Tage später wurden 141 Personen deportiert - sie waren fünf bis 79 Jahre alt und gehörten einer Volksgruppe an, die sich heute Sinti und Roma nennt. Eine Woche lang rollten die Viehwaggons durch Deutschland. Ziel war ein frist eingerichtetes "Zigeunerlager" im KZ Auschwitz-Birkenau. "Als wir ankamen, waren wir fast verhungert und lagen im eigenen Kot, mehrere Menschen waren tot", berichtete Hugo Höllenreiner jetzt, 70 Jahre später, bei einer Gedenkstunde im Münchner Rathaus.

Der damals neun Jahre alte Hugo Höllensteiner ist einer der wenigen Überlebenden jenes Transports und der späteren Aktionen im ganzen Reich. Eine halbe Million Sinti und Roma, so offizielle und aktuelle Schätzungen, sollen während der NS-Zeit ermordet worden sein. Hugo Höllenreiner selbst hat 50 Angehörige seiner Großfamilie verloren. Lange hat er nicht über das Erlebte sprechen können, "weil ich Angst hatte, dass wieder so was kommt".

Heute ist der bald 80 Jahre alte Mann einer der letzten Zeitzeugen eines Staats-Verbrechens, das nach vorangegangener Diskriminierung im Gefolge und wohl auch mit logistischen Erfahrungen des zunächst gegen die Juden gerichteten Holocaust die Ausrottung der damals und später noch lange so genannten "Zigeuner" in Europa zum Ziel hatte. Müchen war Ausgangspunkt, Experimentierfeld und zentrale Schaltstelle dieses in der deutschen Öffentlichkeit zunächt vergessenen, verdrängten oder sogar verleugneten Genozids.

Die Gedenktafel ist allerdings eher schmucklos ausgefallen (Foto: Archiv Achim Manthey)

In München hatte das Leben und Leiden dieser rassischen Minderheit in Deutschland auch ihre Wurzeln: Am 22. März 1427 erschien eine größere Schar dieser fremden Menschen, von denen einige hier schon neun Jahre zuvor gesichtet wurden, wieder in der Stadt und damit auch in den Annalen. Die Münchner bewirteten sie für insgesamt ein Pfund und 25 Pfennige aus der Stadtkasse mit "prott und umb wein, das man durch Gots willen schuf von rats wegen dem armen volk, den zigeynern und irem herczogen aws Klayn Egipten".

Nach Erkenntnis des Stadtarchivs waren die "Ägyptenleute" mit ihrem München-Besuch "überhaupt erstmals auf deutschem Boden aufgetaucht". Kurz zuvor soll jedoch auch schon Hildesheim erstes Ziel einer langen Odyssee gewesen sein. Nach Verschleppung durch die Araber und den Verkauf als Sklaven durch die Osmanen verstreuten sich die "Tartaren" oder "Heiden", wie sie anfangs auch diffamiert wurden, über Südosteuropa, wo sie sich als Roma (von Rom wie Mensch) bezeichneten, und in ganz Deutschland, wo sie sich von jeher Sinti nannten. Die Fremdbezeichnung "Zigeuner" könnte aus dem Griechischen oder Babylonischen stammen, meinen Forscher, doch da bleibt ein Mythos.

Als Herkunftsland vermutet man das nordwestliche Indien. Ihre Sprache "Romanes", die nur mündlich weitergegeben wird, soll dem altindischen Sanskrit entstammen. Gewiss ist jedenfalls, dass die zugewanderten Stämme und Großfamilien - ähnlich den Juden - nirgendwo als Volk sesshaft werden und nur bestimmte Berufe ausüben durften. So entstanden die Klischeevorstellungen vom ewig wandernden, asozialen Nomadenvolk beziehungsweise dem "freien, lustigen Zigeunerleben". Ein kitschiges Bild, dass in Kunst, Literatur, Film und Operette ("Der Zigeunerbaron") nach wie vor gepflegt wird.

Ein zweites, bis heute weithin anhaltendes Vorurteil ergab sich aus den Lebensumständen. Voiele der kaum je integrierten und daher fast durchwegs armen Leute "pettleten", wie es ebenfalls in der Stadtchronik heißt; einige ernährten ihre Großfamilien notgedrungen auch durch kleine Diebereien. Als fliegende Händler, Bürstenbinder, Korbflechter, Tanzbärenführer, Artisten, Puppenspieler, Musikanten, Wahrsager waren die Wanderbürger bei der Stammbevölkerung natürlich viel lieber gesehen und durchaus als Mitbürger anerkannt.

Neuhauser Straße in München: In der Alten Akademie wurden pseudomedizinische Untersuchungen an Sinti und Roma durchgeführt (Foto: Achim Manthey)

Jahrhundertelang wurde das in Europa verstreute, das "fahrende Volk" dann von Päpsten, Kaisern, Kaiserinnen und nicht zuletzt von Stadtvätern für vogelfrei erklärt, immer wieder vertrieben, mal vom Gebiet der römisch-katholischen Kirche ausgeschlossen, aus freien Berufen verdrängt, zur Sesshaftigkeit gezwungen oder anderweitig reglementiert und kriminalisiert. Die systematische Überwachung begann am Ende des 19. Jahrhunderts - in München. Eva Strauss, die Leiterin von "Stattreisen München", ist den einzelnen Stationen mit wissenschaftlicher Akrebie nachgegangen.

In der Polizeidirektion an der Weinstraße wurde 1899 ein "Zigeunernachrichtendienst" eingerichtet, der rund 30000 Daten aus dem ganzen Reich und unzählige Fingerabdrücke sammelte. Polizeidirektor Alfred Dillmann gründete gar eine eigene "Zigeunerpolizei" und verfasste 1905 "Das Zigeunerbuch" mit Vorschlägen zur Eindämmung der "gefährlichen Landstreicherei". 1911 wurde auf einer "Zigeunerkonferenz" in München eine Reichszentrale gefordert. Im März 1912 erschienen die "Münchner Neuesten Nachrichten" mit dem reichsweit aufregenden Hetzartikel "Die Zigeunerplage", in dem vor eingeschleppten Epedemien und terroristischen Banden gewarnt wurde.

Die bayerische Regierung war es, die 1926 das erste "Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetz" im Reich erließ; es verbot zum Beispiel das "Reisen in Horden". Trotzdem waren die Sinti und die aus dem Balkan zugewanderten Roma in den 1920er Jahren in München, vorzugsweise in Giesing, fast reibungslos eingebürgert. Sie sprachen Bayerisch so gut wie Romanes. Als Tanzgeiger, Schlagersänger, Scherenschleifer oder Regenschirmflicker - und als fromme Katholiken - waren sie durchaus beliebt. Ein Sinto bildete die Polizei in Jiu-Jitsu aus.

Doch es blieben auch Vorurteile. Darauf und auf den Vorarbeiten früherer Sicherheitsorgane konnten die Nazis aufbauen. Sie begannen mit "Landesfahndungstagen", also Razzien. Ab 1935 wurden in der Alten Akademie in Münchens Neuhauser Straße "rassenmorphologische Untersuchungen" vorgenommen, wobei sich ein junger Arzt namens Josef Mengele hervortat. Die Schädel von "artfremden" Männern, Frauen und Kindern wurden vermessen und nachgeformt, einige sind noch erhalten. Auch der berühmte Chirurg und "Staatsrat" Ferdinand Sauerbruch beteiligte sich als Gutachter.

Schon 1936 wurden die ersten 400 "Zigeuner" ins KZ Dachau eingeliefert und mit dem schwarzen Winkel "asozial" gebrandmarkt.Im Mai 1938 wurde die Münchner "Zentralstelle für die Bekämpfung des Zigeunerunwesens" ins Reichskriminalamt Berlin eingegliedert. Wer nun noch nicht inhaftiert war, durfte ab 1939 den Wohnort nicht mehr verlassen und bekam weniger Lebensmittel. Kinder durften keine öffentliche Schule mehr besuchen, ganze Familien wurden zu schwersten Arbeitseinsätzen gezwungen. Ehen mit "Deutschen" wurden verboten, Wohnungen enteignet, "Rassesondersteuern" erhoben, Mädchen zwangssterilisiert.

Und dann folgte die "Endlösung der Zigeunerfrage": Hitler persönlich befahl per "Schnellbrief" vom 19. Januar 1943 die Deportation aller im Reichsgebiet verbliebener "Roma und Zigeuner und baltischen Zigeuner" - die Zahlen schwanken zwischen 16000 und 21500 - in die Vernichtungslager. Sie wurden damit, einschließlich der sogenannten "Zigeunerbastarde", mit den Juden gleichgestellt. Die Transporte waren binnen weniger Wochen erledigt.

Hugo Höllreiner - sein Vater war zunächst zum Kriegsdienst eingezogen, im Herbst 1941 aber aus der Wehrmacht entlassen worden - hat das ganze Grauen erlebt und überlebt. Er und sein Bruder Manfred wurden vom Doktor Mengele, dem 1945 nach Südamerika entkommenen "Todesengel", für pseudomedizinische Zwecke qualvoll missbraucht, beide entkamen nur knapp dem Tod. Der Tod von Verwandten und Freunden aber gehörte zum Alltag, wie Hunger, Krankheit, Kälte und Gewalt. Einige Häftlinge, darunter Hugo Höllreiner, leisteten am 16. Mai 1944 erfolgreich Widerstand gegen den Marsch in die Gaskammer. Kurz vor der Liquidierung des "Zigeunerlagers" durften noch 1500 der Männer an die Front. So blieb die Zahl der Opfer mit 2897 verhältnismäßig gering.

Nach dem Krieg hatten die verfolgten Sinti und Roma im Gegensatz zu anderen Opfergruppen keine politischen Fürsprecher. Die Familie Höllreiner, soweit sie überlebte, wurde nie entschädigt für das ihr geraubte Eigentum und für die Haft. Eine Wiedergutmachung kam übehaupt nicht in Frage, nachdem der Bundesgerichtshof 1956 erkannt hatte, es habe sich bei den Deportationen nicht um eine rassische Verfolgung gehandelt, sondern um eine "kriminal-präventive Maßnahme". Außerdem waren ehemalige Nazis in Wiedergutmachungsfragen tätig. Der ehemalige SS-Obersturmführer Josef Ochs, der bei der "Bekämpfung des Zigeunerunwesens" sehr aktiv war, arbeitete noch bis in die 1960er Jahre als BKA-Beamter bei der "Bekämpfung des Landfahrerunwesens".

Da es weder Entschädigung noch Unterstützung gab, musste der aus der Volksschule entlassene Hugo durch den Verkauf von Bürsten für den Lebensunterhalt sorgen. Als guter Katholik wollte er die Kommunion nachholen, das scheiterte am zuständigen Pfarrer. Im Bayerischen Landeskriminalamt erschienen die Namen - und die tätowierten KZ-Nummern - nun in einer "Landfahrerzentrale", die erst 1970 als verfassungswidrig aufgelöst wurde. "Inoffiziell geht die Sondererfassung der Sinti und Roma durch die bayerische polizei allerdings weiter," heißt es in einer Dokumentation von 2012.

Erst ein neun Tage dauernder Hungerstreik im ehemaligen KZ Dachau, bei dem Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, andere Politiker und Geistliche vor Ort einige Empathie äußerten und Hilfe versprachen, brachte den Leidesweg der Sinti und Roma in die große Öffentlichkeit sowie ins politische Kalkül. 1982 erkannte die Bundesregierung unter Helmut Schmidt an, dass der Völkermord aus rassischen Gründen geschehen war. Nun endlich konnte das offizielle Gedanken beginnen, wenn schon nicht das Wiedergutmachen.

Doxh damit tat man sich mancherorts noch immer schwer. Auch in München. Hugo Höllenreiners Bemühen um einen Gedenkstein an der damaligen Sammelstelle scheiterte am bayerischen Innenministerium. Als dann im Dezember 1995 am Platz der Opfer des Nationalsozialismus eine Bronzeplatte verlegt wurde, nannte es Oberbürgermeister Christian Ude eine Schande, dass erst ein halbes Jahrhundert vergehen musste. Inzwischen wurde im Rathaus eine von einem Sinto gestaltete Wandskulptur aufgestellt. Es häuften sich Ausstellungen, Diskussionen, Dokumentationen, Festivals und Führungen auf den Spuren der Münchner Sinti und Roma.

Angst hat der alte Hugo Höllenreiner jetzt nicht mehr. In seiner Heimat Deutschland, so scheint es, leben die 120000 verbliebenen oder neu zugewanderten Sinti und Roma heute in Frieden und weitgehend frei von uralten Ressentiments. Europaweit jedoch, so warnt eine Münchner Dokumentation, "ist der Antiziganismus immer noch salonfähig."

Auf den Spuren der Sinti und Roma in München veranstaltet Stattreisen München (Tel. 089/544 042 30) am 27.7. und 10.11.2013 Führungen.

Veröffentlicht am: 15.04.2013

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Karl Stankiewitz

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Andreas Maislinger
26.04.2013 23:45 Uhr

Hugo Höllenreiner wird am 2. Mai 2013 im Jüdischen Museum München mit dem Austrian Holocaust Memorial Award ausgezeichnet. Die Laudatio hält OB Christian Ude. Unter andreas.maislinger@auslandsdienst.at können Sie eine Einladung anfordern.

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