Später Vertreter der gehobenen Protestkultur: „Das Blaue Einhorn“ bei den Volksmusiktagen im Theater Fraunhofer

von kulturvollzug

Im Balkan-Idiom überzeugen sie voll. Aber die Handschrift bleibt blassblau. Foto: Michael Wüst

Zwischen unprätentiösen Namensgebungen wie „Unterbiberger Hofmusik“ und gscherten oder anarchisch chthonischen wie „Aniada a Noar“ nahm sich „Das blaue Einhorn“ recht fremd aus. Es scheute ein bisschen. Während die neuere Volksmusik, vertreten von den meisten Gruppen der Fraunhofer Volksmusiktage auf festem Boden steht, erfüllt ist von kerniger bis trotziger Regio-Power, wirkte das blaue Einhorn etwas blass migrierend. Etwas anachronistisch irrte es umher, das Einhorn, das irgendwie aus den mythologischen Nebeln der Krautrock-Zeit aufgestiegen zu sein schien.

1991 gründen die Dresdner Paul Hoorn (Gesang, Akkordeon, Trompete, Texte) und Andreas Zöllner (Gitarre) anlässlich eines Konzerts gegen den Irakkrieg mit studierten Kollegen aus der Straßenmusik-Szene das blaue Einhorn. Der universalistische Ansatz des klassischen, aufrechten Politprotests durchzieht denn auch das Programm, das Konzept des Jubiläumabends: „Die Zeit ist ein Fluss ohne Ufer“. Florian Mayer (Violine, Gesang) und Dietrich Zöllner (Kontrabass, Gesang) ergänzen das Quartett zur Vollzähligkeit.

Das Konzert beginnt in leichter Dramaturgie. Der Einlass ist noch nicht abgeschlossen, da taucht der Akkordeonspieler im Eingang auf, gegenüber der Bühne. Das gereifte Publikum muss sich knarrend auf den kleinen Stühlen drehen – voilà, der alte falsche Kasperlauftritt, von dem auch Sigi Zimmerschied an gleicher Stelle nicht lassen konnte.

Paul Hoorn spielt ein Medley aus östlichen Straßenmusiken. Nur zu gern lässt man sich mitnehmen auf die staubigen Straßen Bosniens und des Kosovo, bereitwillig unterzugehen im süßen Klischee der Geigen. Hochzeitstänze mit dem Hüftschwung eines Vierteltons. Musik wie ein fliegender Teppich. Im Balkan-Idiom überzeugen die vier voll, auch aufgrund des wegreißenden Grooves von Florian Mayer an der Geige. Man lässt sich also genüsslich sein Seelenbad ein und freut sich aufs Ertrinken in den wunderbaren Liedern der Liebe und der Niederlage. Doch es kommt anders. Hinter dem Akkordeonmann folgt in zweiter Abteilung der Rest des Einhorns. Hereintreten vier stramme Christen mit einem georgischen Weihnachtschoral. Es folgen Tangos, Rebetiko, Ausflüge nach Rumänien, Chile, Mexico und Griechenland. Jacques Brel wird neu arrangiert, Wolf Biermann bemüht, Ringelnatz begegnet Kurt Weill, Hölderlin gar den Roma. Zuviel. Zu ambitioniert. We are the whirled. Man migriert sich ins Off der Universalität. Alles toll gespielt, keine Frage. Aber irgendwie blieb da nur eine blassblaue Handschrift.

Michael Wüst

Veröffentlicht am: 19.01.2011

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