Chiemgau Aboriginals am Sapporobogen

Kunst ist, was dazwischen kommt – doch was bleibt übrig?

von Michael Grill

Gerhard Prokop: Berliner Hauptbahnhof, 2007, Öl/Tischlerplatte, 50 x 125 cm. Abbildung: Prokop

Man braucht etwas länger, um dieses „Objekt“ zu entdecken. In dem, man darf das wohl so sagen, ehemals besonders hässlichen Bürohochhaus an der Landshuter Allee tut sich gerade sehr viel für Architekur und Kunst. Nur noch bis Mittwoch kann man in die Räume, um Bilder und Objekte aus dem Chiemgau zu sehen. Eine Bewertung fällt insgesamt nicht leicht.

In Erscheinung tritt hier die „TAG - Temporary Art Gallery“ des Münchner Kurators und Künstlers Bernhard Springer. Die Galerie will „zeitgenössische Kunst an repräsentativen Orten auszustellen, die temporär zur Verfügung stehen“. Dies liegt in München auch so gesehen im Trend, da die zeitlich befristete Bespielung durch Kunst mit oder ohne Party von Brachen oder umzunutzenden Immobilien seit einigen Jahren immer häufiger zugelassen beziehungsweise gewünscht wird: mal zugunsten der Kunst, mal zugunsten des Investors, im besten Falle gut für alle. Der Kulturvollzug berichtete über das Thema zum Beispiel auch anhand der Praterinsel.

Sybille Hochreiter: Flächentausch 1-3, 2009, 140 x 3*100, Acryl a. Lw. Abbildung: Hochreiter

Das Gebäude am Sapporobogen 6-8 stand seit Jahr und Tage als graue Eminenz am Autobahnkreuz des Mittleren Rings am Olympiapark zwischen dem ehemaligen Radstadion und der Straße namens Sapporobogen, die Autofahrer auch nur deshalb noch kennen, weil sich hier in Vor-Arena-Zeiten die Autos nach den Heimspielen des FC Bayern stauten.

Durch die umfangreiche Renovierung samt neuer Fassade hat das Haus gewaltig gewonnen, es ringt nun um Beachtung und um ein neues Image. Schilder weisen darauf hin, wie hervorragend erschlossen dieses Stück München doch sei, man habe ja nur soundsoviele Minuten mit der Tram zum Hauptbahnhof und so weiter. An Teilen des Komplexes wird noch gebaut, Ende des Jahres soll wohl der Bezug durch neue Büronutzer beginnen. Insgesamt werden gewaltige 24.000 Quadratmeter Bürofläche vergeben; aber auf keinem einzigen Bild in den teuren Prospekten ist das Haus in einer vollständigen Außenansicht zu sehen: Man traut offenbar doch noch nicht, die in zwiespältigem Sinne markante Immobilie direkt ins Auge zu fassen.

Andererseits sieht man hier ein sehr positives Beispiel dafür, wie ein klarer Wille zur Gestaltung auch in scheinbar hoffnungslosen Fällen die Stadt attraktiver machen kann. (Wenn auch weniger Design-Marketing-Geschrei manchmal mehr wäre.)

Andreas Pytlik: Forestal 2, 90 x 120, Öl auf Leinwand. Abbildung: Pytlik

Seit Mitte Mai nun ist dort im kompletten Erdgeschoss Kunst zu sehen: Künstler aus dem Chiemgau, wobei der Münchner Besucher in seiner bekannt selbstbewussten Art sich entscheiden muss, ob er dies nun für provinziell oder für trendig-regional halten möchte. Zur Vernissage spielte die Band „Monobo Sun“, die als „Spin-off der bekannten La Brass Banda“ angekündigt worden war, was das Ganze eher ungut Richtung Projektdesign verschiebt: Man nimmt sich das was als gerade hip vermutet wird und hofft auf Imagetransfer.

Im Prospekt steht: „Das Bürogebäude mit beachtlichen Werten zieht jetzt auch einen exklusiven Kreis an Kunst-, Kultur- und Genussinteressierten an." Wer böse will, kann sagen: Selten waren die eigentlichen beachtlichen Werte so klar erkennbar. Und letztlich zählt nur der Finanzinteressierte.

Fakt ist: Das Haus ist schöner als je zuvor, aber drumherum war hier nichts und ist hier nichts außer dem rauschenden Ring und der Rückseite des Olympiaparks. Die Vernissage war offenbar ein kleines Ereignis, die Resonanz während der Ausstellungsdauer eher nicht überragend, die mediale Beachtung in München bislang kaum größer als Null.

Das ist schade, den erstens gehört die Kunst diskutiert und zweitens die Neudefinition einer solchen Immobilie samt die Frage, ob neben der befristeten Aktion denn auch etwas langfristig Sinnvolles hängenbleiben könnte.

Bei den ausgestellten Kunstwerken jedenfalls dürften die Holzskulpturen von Franz Xaver Angerer die größte Attraktion sein: Die erst verbrannt-verkohlten Eichen-, Ahorn- oder Kirschholzblöcke werden von Angerer zu filigranen und doch archarischen Skulpturen geschnitten. Man meint die Kohle regelrecht riechen zu müssen, doch eine Wachsschicht enthebt die Gebilde endgültig dem Erwarteten.

Franz X. Angerer: Nike I, H 220, Eichenholz/ verbrannt u. gewachst. Abbildung: Angerer

Von großer Präszision aber formal nur so halb aufregend sind die Skulpturen von von Stephan Quenkert und die Bilder von Sibylle Hochreiter. Andreas Pytlik präsentiert eine lange Reihe, die sich mit einem abstrahierten Bild des Waldes auseinandersetzt, doch man hat da irgendwie buchstäblich ein Brett vor dem Kopf. Alessia von Mallinckrodt gibt den Hinterlassenschaften der Großindustrie einen nicht mehr ganz neuen Sinn, verbindet dabei aber die ganze Welt der Brache.

Und über Gerhard Prokops Bilder lässt sich sicher am schönsten streiten: Die nach Fotografien gemalten, menschenleeren Bilder von bekannten Orten wie dem neuen Berliner oder dem Münchner Hauptbahnhof oder von zufälligen Stadtsituationen sind so hyperreal wie naiv. Das zeugt von einem zum Teil fürchterlichem Populismus wie auch vom durchaus vergnüglichen Spiel mit Abstraktion im Realen.

Zum Glück gibt es das Chiemgau als gemeinsame Klammer, denn sonst hätte man hier keine.

Chiemgau Aboriginals“ im Hochhaus am Sapporobogen 6-8, nur noch bist Mittwoch (5. Juni 2012), 16 bis 20 Uhr. Wie es dort mit der Kunst weitergeht erfährt man womöglich auf www.sapporobogen.de oder www.bernhard-springer.de.

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 05.06.2012

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