Ballettfestwoche 2012

Jerome Robbins und Jiři Kylián – Vom süßen Reigen zum flammenden Beziehungsgold

von Isabel Winklbauer

Freudinnen auf Amerikanisch: I. Werner und E. Petina (Foto: Thomas Kirchgraber)

Einfach schön. Nicht anders kann man Jerome Robbins’ „Goldberg Variationen“ nennen, mit denen fast das ganze Ensemble die Ballettfestwoche eröffnete. Fast 50 Tänzer sprangen, wogten, rollten und ringelten sich von Formation zu Formation, wie in einem Kaleidoskop, in dem immer neue Zufallsbilder erscheinen. Alles, was auf einer Bühne zwischen Personen räumlich möglich ist: An diesem Abend war es zu sehen.

Obgleich Robbins sich nach seiner Musicalkarriere mit „West Side Story“ und „Anatevka“ wieder ganz und gar dem Ballett zuwandte, lässt es sich dochnicht verbergen: Die „Goldberg Variationen“ sind ein gutes Stück Broadway, es wird vor allem anfangs bis zum Überdruss gewunken und mit den Wimpern geklimpert. Langsam schälen sich dann zum Glück die einzelnen Charaktere heraus, die als roter Faden durch die Form-Orgie führen. Da sind der kräftige Lukas Slawicky und die puppenhafte Katherina Markowskaja, gemeinsam neben Maxim Chashchegorov mit der großen Roberta Fernandes, zwei erfrischend gegensätzliche Paare. Da ist aber auch Ekaterina Petina in Mintgrün, wohltuend kühl inmitten des süßen Taumels, oder Mia Rudic mit ironischem Augenaufschlag – kleine Stückchen Distanz, die das Stück als vergangenes Monument ausweisen (und retten!), das in einer neuen, weniger naiven Zeit ein bisschen patiniert und wie durch Milchglas gesehen wirkt. Nicht zu retten sind dagegen die Kostüme und das Make-Up. Wenn zwei Dutzend Ballerinen unverschuldet wie Walküren aus einem Robert-Palmer-Video aussehen, sollte der Balanchine- und Robbins-Trust überdenken, ob sich in den letzten 40 Jahren nicht die Proportionen der Menschheit geändert haben. Doch das Staatsballett kompensierte durch souveräne Kunst, und das Publikum applaudierte wie vom Zuckerschock betäubt.

Im Licht der Liebe: Wlademir Faccioni in "Gods and Dogs" (Foto: Wilfried Hösl)

Jiři Kyliáns „Gods and Dogs“, eigentlich subtil, wirkt da anschließend wie ein Paukenschlag. Vier Paare erklären ihr Verhältnis abwechselnd hinter einer Kerzenflamme, in schlangenhaften, heftigen Bewegungen, die nicht selten an Hunde erinnerten – oder, um es beim Namen zu nennen, an die Doggy-Style-Position. Wobei der Zweck der Inszenierung natürlich nicht pornografisch ist, sondern Beziehungen analysiert. Einer sitzt immer dem anderen im Rücken, ist das womöglich die Grundposition menschlicher Freundschaften? Das Bühnenbild tendiert zu „Ja“. Kylián selbst erfand es, und es ist schlichtweg sensationell. Hinter den Paaren erscheint zunächst auf halber Höhe ein Vorhang aus Goldfäden, darüber die unheimliche Negativ-Filmprojektion eines nahenden Schäferhundes. Später wird der Vorhang bis zur Decke hoch gezogen, wobei er schwingt und in beunruhigend schönen Wellen reflektiert. Allein das wäre einen Preis wert.

Doch Lukas Slawicky und Zuzana Zahradniková übertreffen alles. Das Paar kennt sich seit der Ballettakademie, war über ein Jahrzehnt liiert und trennte sich dann. Es weiß so einiges über Beziehungen und zeigte es auch, in einem innigen, spannungsvollen und immer wieder überraschenden Pas de Deux. Danach bricht heller Jubel unter dem Kronleuchter aus. München ist mal wieder verliebt in Jiři Kylián.

Veröffentlicht am: 24.04.2012

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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