Picasso, Beckmann und de Kooning

Frauen-Bilder, Welt-Bilder - Gipfeltreffen in der Pinakothek

von Jan Stöpel

Max Beckmann, Frau mit Mandoline 1950. Bild: Bayer. Staats-gemäldesammlungen/Foto: VG Bild-Kunst

Klaus Schrenk, Direktor der Staatsgemäldesammlungen, spricht von einem "besonderen Ereignis" für die Pinakothek der Moderne und untertreibt dabei auch noch: "Frauen" mit Bildern von Picasso, Beckmann und de Kooning ist die größte und teuerste Ausstellung in der Geschichte des Hauses und dürfte Publikum anziehen wie zuletzt die Neo-Rauch-Retrospektive.

"Frauen sind entweder Göttinnen oder Fußabtreter." Sagte Pablo Picasso (1881 bis 1973) und sicherte sich damit einen Ehrenplatz auf jeder Macho-Liste der Emanzipationsbewegung. Picasso und die Frauen: War da noch mehr? Wie der Großmeister aus Spanien und die ebenfalls herausragenden Maler Max Beckmann (1884 bis 1950) und Willem de Kooning (1904 bis 1997) als Künstler sahen, lässt sich jetzt in der Pinakothek der Moderne in München entdecken: "Frauen" lautet schlicht der Titel der Ausstellung, die drei Ausnahmekünstler des 20. Jahrhunderts mit einem Thema und vollkommen verschiedenen Bildsprachen präsentiert.

Dass die Ausstellung - so etwas wie ein Abschiedsgeschenk der scheidenden stellvertretenden Direktorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Carla Schulz-Hoffmann - ein Erfolg werden wird, davon darf man ausgehen. Drei Künstler mit einem solchen Namen: Das gibt es auch in der Eventkultur der Gegenwart nicht eben oft zu sehen.

Two Figures in Landscape, Willem de Kooning, 1968. National Galery of Australia

 

Dabei dürfte es die meisten Besucher kaum stören, dass die Ausstellung einem hoch komplizierten, geradezu verrätseltem Motiv folgt. Es geht ja eben nicht um die Frau als Künstlerin, als Muse oder als konkretes Model für ein Kunstwerk - wie es etwa die berühmte Fränzi für die Expressionisten der "Brücke" gewesen war. Die Dreifach-Schau mit über 90 Bildern der drei großen Malern ist Höherem gewidmet: Die Frau nicht als konkretes Gegenüber, sondern als Katalysator, als Gegenpol zum Mann und als eigenständige Kraft, die sich in Farbexplosionen austobt. In fünf Stationen nähert sich die Ausstellung diesen Fragen an: Von der Frau als Bild der Harmonie über die Extase bis hin zu ihrer Funktion als Welt-Bild, Zeit-Bild und Selbst-Bild - die Frau als Reflexionsfläche des Künstlers in seiner Welt.

Am leichtesten zugänglich zeigt sich zunächst Max Beckmann, an dessen Portraits - er malte sehr häufig sich und seine zweite Ehefrau, die Malerstochter Mathilde Kaulbach, genannt "Quappi" - Carla Schulz-Hoffmann einen entscheidenden Unterschied festgestellt hat: Schonungslose Analyse seiner selbst in den Selbstportraits, in aller Zerrissenheit, mit allen Widersprüchen, die Vision des freien anderen Gegenpols dagegen in den Bildern auch von Quappi, die in der Ausstellung in München tatsächlich meistens in leichtfüßiger Eleganz zu erleben ist, mal als Dame von Welt, mal als verlässlicher Freund. In anderen Bildern zeigt Beckmann die Frau als das dunkel Lockende, wiederum als Antithese zum Mann.

Pablo Picasso, Umarmung (Etreitel) 1972, Foto: Robert McKeever (c) Succession Picasso, VG Bild Kunst Bonn 2012

In seiner Vielfalt kaum zu überschauen ist auch in dieser Ausstellung Picasso. Das berühmte Bild der Madame Soler im tiefen Blauton ist zu sehen, aber auch Beispiele seiner Rückwendung zu antiker Monumentalität, wie etwa die stämmige Badende. Bis hin zur Abstraktion der Frau als "Arabeske" geht der Spanier, in dessen Werken die Ausstellungsmacher die Reflexion seiner Sicht auf die Welt wahrnehmen wollen. Die "weinende Frau" mit den markanten Zügen der schönen Dora Maar - ist sie nicht im selben Jahr gemalt worden wie das vom Kriegstrauma kündende "Guernica"? Picasso verstand die Frauen als Katalysator in der Beschäftigung mit seiner Biografie wie mit der Welt. Und sein Leben als Künstler weist nicht weniger Abwechslung auf als sein Walten als Don Juan.

Pablo Picasso, weinende Frau. 1937, Bild: Foundation Bleyeler, Foto: Peter Schibli

Bleibt als der zunächst verrätseltste von den Dreien noch de Kooning, der sich von konkreten Anlässen und greifbaren Wesen verabschiedet hat und dem seine Frauenbilder selber "laut und wild" vorkamen. Keine Übertreibung: Oft erst auf den zweiten und dritten Blick entdeckt man Umrisse eines Körpers, archaisch, verrenkt, zersprengt im Zerfließen des Raums. Frauen werden zur Landschaft, Akt und Umgebung verschmelzen ineinander. Ein radikales Unterlaufen der Erwartungen an klassische Schönheit und doch elementar fröhlich: Die Widersprüchlichkeit de Koonings lässt sich über die Gefühlsebene letztlich doch am ehesten auflösen.

Weder Göttinen noch Fußabtreter; rätselhaft, nicht immer nachvollziehbar, provokant, reizvoll, kaum greifbar: Das sind die Frauen des Maler-Gipfeltreffens in der Pinakothek. Ähnlichkeiten zu real existierenden Lebensformen sind natürlich rein zufällig.

"Frauen. Pablo Picasso, Max Beckmann, Willem de Kooning", bis zum 15. Juli 2012 in der Münchner Pinakothek der Moderne.

Veröffentlicht am: 30.03.2012

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