München feiert Rainer Werner Fassbinder

„Nur wenn man das bürgerliche Theater auf die Spitze treibt, geht es kaputt“

von kulturvollzug

Fassbinders Grab auf dem Bogenhausener Friedhof (Foto: Achim Manthey)

Am 10. Juni 2012 jährt sich Rainer Werner Fassbinders Tod zum 30. Mal. Eine Biografie erscheint, das Residenztheater ehrt ihn mit einem Festival im Marstall und der Kulturvollzug blickt zurück auf das unruhige Jahr 1968: Viele Jugendliche versammeln sich auf der Straße, junge Regisseure wie Peter Zadek und Claus Peymann proben den Aufstand, und Fassbinder, damals 23 Jahre alt, legt die Axt an das scheinbar morsche Gebälk der Schauspielkunst. Ein Artikel von Karl Stankiewitz aus dem Jahre 1970.

 

Das Jahr 1968, das große Teile der akademischen Jugend auf die Straßen getrieben hat, versetzte auch andere Bereiche von Gesellschaft und Kultur in Unruhe und Umbruchstimmung. Nicht zuletzt das Theater, in den Universitätsstädten zumal.  Es wurde politischer, volksnäher, aktueller, griff aktuelle Themen auf, befreite alte Stücke vom „bürgerlichen Ballast“. Happening und Agitprop wurden neue Ausdrucksformen. Bühnenschaffende aller Art bildeten Kollektive und suchten die Solidarisierung mit dem Publikum, boten Spielstätten für neue Besucherschichten (Kinder, Lehrlinge).

Junge Regisseure probten den Aufstand. Nach Wedekind und Schiller stilisierte Peter Zadek in Bremen sogar den Barockdichter Shakespeare zum Revolutionär. Der 30jährige Claus Peymann startete mit Brechts „Mutter Courage“ in Braunschweig seine Karriere. Der gleichaltrige Peter Stein rief in München nach einem „Vietnam-Diskurs“ zu einer Sammlung für den Vietcong auf, wurde vom Intendanten August Everding gefeuert und setzte sich ebenfalls ins „rote Bremen“ ab. Das Hippie-Musical „Hair“ entfachte Begeisterungsstürme. Ebenfalls in München legte ein 23-jähriger Besessener die Axt an das scheinbar morsche Gebälk der Schauspielkunst.

Ein finsterer Hinterhof am Rande Schwabings. Wer den Eingang zum „antiteater“ sucht, muss sich an Mülltonnen und aufgehäuften Pflastersteinen vorbeidrängen. Im Keller darunter poltern Kegelbrüder. Im Vorderhaus, vis-à-vis der Uni, feiern die Studenten bei „Witwe Bolte“, einem schäbigen Wirtshaus, alte Burschenherrlichkeit.

Aber das alles kümmert die Künstlerkommune nicht. Sie spielt mit dem Publikum, notfalls ohne Publikum und auf alle Fälle gegen das Publikum herkömmlicher Art. Sie ist gegen die bürgerliche Schauspielkunst. Sie will das Theater von heute mit den Mitteln des Theaters ad absurdum führen. Sie passt ganz und gar nicht in die deutsche Bühnenlandschaft, sei diese noch so sturmgepeitscht und revolutionstrunken. Sie ist anders als alle anderen Theater weit und breit.

Vier Treppen rauf ging es in der Stollbergstraße 9 zu Fassbinders Kommune (Foto: Achim Manthey)

Avantgarde oder "Scheißhausparolentheater"?

Trotzdem oder gerade deshalb ist das Münchner „antiteater“ unter Deutschlands Theaterfachleuten zum Tagesgespräch geworden, ja zur Offenbarung einer dramatischen Gegenkultur, durch die das Theater als Subkultur überwunden und endlich in die Gesamtgesellschaft integriert werde. Selbst konservative Blätter erheben sich hymnisch: „Die einzigen fortschrittlichen Theatermacher, die konsequent auf die Avantgarde von vorgestern verzichten,“ meinte die „Welt“. Und der „Rheinische Merkur“ apostrophierte die Schauspielkommunarden als "die hochbegabten Bitterbösen“. Andere Kritiker sprachen von einem „kräftigen Schierlingsgewächs“ oder auch von einem „chinesischen Scheißhausparolentheater“.

 

Kritiken jeglicher Art sind dem jungen Rainer Werner Fassbinder „wurscht“. Ich frage ihn nach seiner Konzeption. „Wir haben keine,“ sagt der Kopf der Kommune. Er trägt seine abgewetzte Lederjacke, auf die er auch bei piekfeinen Filmfestivals und sogar in Filmen selbst nicht verzichten will. Wir kauern in der Kommunardenbehausung, Stollbergstraße 9, vier Treppen. Einer der derzeitigen Mietgenossen telefoniert um einen Drehplatz für die nächste Filmproduktion, einer klimpert auf der Gitarre, die weiblichen Akteure sorgen fürs Essen und der Rest der Kommune ist mit dem gemeinsamen Auto zu irgendeinem Professor gefahren, denn auch die zünftige Wissenschaft hat das „antitheater“ entdeckt.

"Vergröberung verblödet"

Im Münchner „Action-Theater“ hatte es klein, aber provokativ angefangen. Nach amerikanischem Beispiel hatte eine Gammler-, Hippie- und Profitruppe, darunter Fassbinder und sein heutiger Mitautor Peer Raven, „Leben“ in ein heruntergekommenes Kino gebracht. Bis das Spiel so lebendig wurde, dass einer der Darsteller eine Kollegin niederschoss (im Juli 1968 wurde er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt). Das Haus in der Müllerstraße wurde feuerpolizeilich gesperrt. Mit dieser Art Schauspielkunst, die im Grunde eine Neuauflage des expressionistischen Theaters ist, will Fassbinder heute nichts mehr zu tun haben. Wie er auch gegen das Straßentheater und den ganzen Agitprop ist. „Weil man da zu vergröbernden Mitteln greifen muss,“ sagt er. „Und Vergröberung verblödet.“

In der Amalienstraße hinter der Uni erinnert nichts mehr an das "antiteater". Seit Ende der 1970er steht dort die "Amalienpassage" (Foto: Achim Manthey)

In der Arbeit des jungen Regisseurs Peter Stein hat Fassbinder entdeckt, worauf es heute auf der Bühne ankommt: „Nur wenn man das bürgerliche Theater auf die Spitze treibt, geht es kaputt.“ Also gebrauchte oder missbrauchte er zunächst einmal klassische oder klassisch-moderne Stoffe. Im neuen „antiteater“ spielte er mit seiner Kommune: Ajax, Don Carlos, Iphigenie, die Drei-Groschen-Oper, Lulu und König Ubu. Aber von den Texten der Sophokles, Schiller, Goethe oder Wedekind waren nur noch Rudimente, Handlungsfetzen, Ideen übrig geblieben. Und auch die hatten sich in Fassbinders oder Ravens Neufassungen gewandelt.

So wurden klassische Helden zu Ausgebeuteten oder zu Kapitalisten, Liebesromanzen zu Sexorgien, Schurkenstreiche zu logischen Handlungen des gesellschaftlichen Establishments. Das alles wird nicht etwa gespielt, sondern demonstriert, als Lehrstück fast wie bei Brecht, aber über Brecht hinaus.

Manche langweilen sich erbärmlich

Handlung findet nicht statt. Die „Schauspieler“ tauchen irgendwo im Publikum auf oder stehen wie zufällig auf der Bühne, die keine ist, unterhalten sich irgendwie inmitten des Saales, vor knallroter Wand, sie radebrechen (denn einige sind Ausländer), sprechen laienhaft, gelegentlich in Mundart, in Zeitlupe oder im Rhythmus einer beatartigen Hintergrundmusik. Und jeder Zuschauer ist gehalten, den Denkakt des Autors und seiner Nachschöpfer mit zu vollziehen – oder er langweilt sich erbärmlich. Nur kein Theater, nur keine Illusion!

„Antiautoritäre Produktionsgemeinschaft“ nennt sich die Truppe. Fassbinder propagiert Anarchie, „aber nicht das Chaos“. Widersprüche löst man dialektisch auf. Raven sagt es so: „Wir produzieren und zerstören, wir spielen Theater und lieben das Geld, wir sind Anarchisten und machen Verträge.“ Und was für Verträge!

Ihr Ruhm und ihre Aktivität drangen schnell aus Schwabing hinaus. Fassbinder zog es immer schon zum „Staatstheater“, auch in andere Städte. „Im Hinterhof ist es sehr schön und wir haben viel gelernt, aber allmählich wird es doch zu romantisch.“ Die Theater-Kommunarden verstehen sich als „Guerilla“, die überall plötzlich auftauchen kann. Sie tauchte bereits auf in Münchens städtischen Bühnen, in Berlin und zuletzt in Bremen. In der theaterfortschrittlichen Hansestadt soll der Münchner Stoßtrupp sogar ein regelrechtes „Antitheaterfestival“ aufziehen.

An das "Action-Theater", aus dem das antiteater hervorging, erinnert in der Müllerstraße 12 nichts mehr. Heute gibt's da eine Spielhalle (Foto: Achim Manthey)

Latenter Faschismus als Leitthema

Zwischendurch schrieb der junge Tausendsassa Fassbinder auch Stücke ohne Anlehnung an fremde Stoffe. Sie heißen „Anarchie in Bayern“, „Pre-Paradise Sorry Now“, „Der amerikanische Soldat“ und „Katzlmacher“. Alle haben sie mit dem latenten Faschismus zu tun, ob sie nun die englischen Moormörder, das Spießervorurteil gegen Gastarbeiter oder einen fiktiven Bundeskanzler Strauß abkonterfeien. Und zwischendurch machte Fassbinder Filme. Die beiden ersten sollen 1969 in großen Kinos anlaufen: „Kälter als der Tod“ und „Katzlmacher“.

So haben Fassbinders Akteure Aufsehen erregt und Preise gewonnen. Aber ob sie auch das Wohlwollen eines allgemeinen Publikums finden? Sind doch auch diese Stoffe eigentlich gegen das „bürgerliche Publikum“ gemacht, da sie den Gangster als einen Menschen wie Du und ich darstellen, der eingebunden ist in ein bestimmtes Sozialmilieu. Fassbinder ist Realist genug, die Problematik zu sehen: „Es dauert gewiss noch eine Weile, bis man diese Art Film allgemein goutieren wird. Aber über kurz oder lang wird es auch beim Publikum ankommen.“

Meine Frage, wie dieser Riesenbetrieb denn mit anarchistischen Grundsätzen zu schaffen sei, beantwortet Fassbinder knapp wie alle Reporterfragen: „Unser Betrieb organisiert sich selbst, andernfalls hätten wir’s schon längst aufgegeben.“ Die zehn Mitglieder der Kommune und weitere zehn oder mehr Genossen, die ständig kommen und gehen, beteiligen sich nicht nur alle am Spielen, sondern auch am Texten und Inszenieren, am Organisieren und Kassieren. Der Grüne Wagen auf sozialistisch. Brüderlich teilen sie Gewinn und Risiko. Letzteres ist, geschäftlich gesehen, nach dem Stand der Dinge gering.

Was weiter geschah:

Das Risiko war keineswegs gering. Ende 1971 machte das „antiteater“ pleite und hinterließ einen Berg von Schulden. Vor Fassbinder lag indes ein Berg von Arbeit. Innerhalb von 13 Jahren schrieb und inszenierte er 43 Kino- und Fernsehfilme, verfasste zehn Bühnenstücke, trat selber in 15 Filmen und Stücken auf, war mit mehreren Frauen und Männern liiert. Sein letztes Werk „Querelle“, eine Schwulengeschichte, wurde nicht mehr ganz fertig, sein großes Projekt „Kokain“ konnte er gar nicht mehr beginnen. Der Revolutionär des deutschen Films starb am 10. Juni 1982 an einem Mix von Kokain, Alkohol und Medikamenten; er ist im Bogenhausener „Prominentenfriedhof“ beigesetzt.

Karl Stankiewitz

Das Residenztheater veranstaltet unter dem Titel "Postparadise Fassbinder Now" ein Festival zum 30. Todestag Fassbinders. Hier gibt es mehr Informationen zu den Filmen, Lesungen und Vorträgen am Wochenende vom 23. bis 25. März. Ein aktuelles Interview mit Intendant Martin Kusej zu Fassbinder findet sich auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks.

Veröffentlicht am: 23.03.2012

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