Heinz Rudolf Kunze über seine neuen Duette mit anderen Popstars und sein Verhältnis zu den Bayern: „Der Süden bleibt für mich ein Geheimnis“

von Michael Grill

"Ich respektiere die Gefühle der Leute, die zu mir kommen": Heinz Rudolf Kunze. Foto: Ariola

Seit Jahrzehnten begleitet er die Deutschen als Musiker mit eingängigen Popsongs mit anspruchsvollen Texten. Nun legt Heinz Rudolf Kunze sein Bühnen-Jubiläums-Album „Ich bin“ vor. 13 deutsche Popstars und Liedermacher haben mit ihm gemeinsam seine alten Songs neu eingespielt, darunter Reinhard Mey, Julia Neigel, Purple Schulz und Joachim Witt. Im Interview erklärt der 1956 in der Nähe von Detmold geborene Kunze, warum er sein Bühnen-Jubiläum eigentlich zu einer ganz schrägen Jahreszahl feiert.

Herr Kunze, Sie haben immer diese Brille auf...

Heinz Rudolf Kunze: Natürlich! Das ist ja kein Bühnenrequisit, die gehört zu meinem Leben.

Aber sie ist so auffällig. Ein bewusst gesetztes Wiedererkennungs-Merkmal?

Nein, ich bin eben Brillenträger seit meinem 6. Schuljahr. Ich weiß, als Musiker in der Popmusik stand ich damit lange recht einsam da, sowas hatte kaum jemand bis auf Elton John, John Lennon und Elvis Costello. Aber inzwischen sehe ich doch mit einem gewissen Vergnügen, dass gerade meine Brille, die dickrandige Ray Ban, immer mehr in Mode kommt, auch bei Musikern. Insofern war ich damals einfach meiner Zeit voraus.

Auf ihrer neuen Platte blicken sie auch auf „damals“. Sie haben mit vielen anderen deutschen Popstars bekannte Songs von Ihnen neu eingespielt. Haben Sie das Gefühl, auf etwas zurückschauen zu müssen?

Nein, ich wollte in erster Linie meinen Fans und auch der Plattenfirma einen Gefallen tun. Ich bin seit fünf Jahren bei Ariola, vorher war ich mein halbes Leben bei Wea. Es gab den Wunsch, dass diese Songs, meine Gassenhauer, die auch im Radio am besten gelaufen sind, nun auch zum neuen Repertoire gehören. Wenn es nur eine Zusammenstellung meiner alten Songs geworden wäre, hätte mich das geärgert. Aber durch die Neueinspielung hat das auch für mich einen Reiz. Ein großer Teil der Musiker, die jetzt in meiner Band sind, waren bei den alten Aufnahmen schließlich noch gar nicht dabei.

Ist der erste Eindruck richtig, dass Sie sehr vorsichtig mit den originalen Arrangements umgegangen sind?

Teils, teils. Manchmal war der Respekt meiner Mitmusiker so groß, wie bei „Dein ist mein ganzes Herz“ - da kriegt man sie einfach nicht dazu, das anders zu spielen. Bei anderen wie „Aller Herren Länder“ oder „Mit Leib und Seele“ war es nicht so, da ist die Handschrift der neuen Band klar erkennbar. Aber es stimmt, dass sich niemand in den Vordergrund spielen wollte, denn wir wollten ja vor allem unseren Gastsängern ein Netz bereiten, in dem sie sich wohlfühlen. Die Duette sollten besonders gut zur Geltung kommen.

Mit wem war es am spannendsten?

Das kann man so nicht sagen, ich habe mich über die Arbeit mit allen sehr gefreut, von Hartmut Engler bis Herman van Veen. Zunächst hatte ich mir überlegt, welcher Song zu wem am besten passen könnte, und das dann so zugeteilt. Nur in ganz wenigen Fällen haben wir dann getauscht. Die große Ausnahme war Jan Plewka von Selig, der unbedingt „Lisa“ wollte, einen Song, den ich gar nicht auf dem Zettel hatte. Dann hab ich gesagt: Gut, ändern wir den Plan.

Darf man das ein Tribute-Album nennen?

Das gefällt mir jedenfalls viel besser als „Best-of“.

Jeder lässt sich gerne die Ehre erweisen, aber war es auch so gedacht?

Vielleicht hatte die Plattenfirma auch diesen Hintergedanken. Aber vor allem wollten wir zeigen, welche Fäden sich gesponnen haben in den letzten 30 Jahren. Und für mich spiegelt es auch wider, mit wem ich besonders gut kann.

Ist es nicht erstaunlich, auf wie viele andere Stimmen Ihre Songs passen?

Schon, aber bei der Auswahl habe ich schon auch versucht, für jeden das richtige zu finden. Für einen Achim Reichel kommen einfach nur Lieder wie „Meine eigenen Wege“ infrage - also solche, bei denen Lebenserfahrung ein Thema ist.

Mal ketzerisch gefragt: Es heißt, das Album erscheint zu Ihrem 30. Bühnenjubiläum - aber das ist doch schon eine Weile her? Feiern Sie so lange?

Es kommt darauf an, wo man ansetzt: Profimusiker bin ich seit 1981, so gesehen ist das Jubiläum im letzten Jahr gewesen. Es gibt rein praktische Gründe, warum das Album erst jetzt erscheint, für die wir aber nichts können. Eigentlich sollte es schon zu Weihnachten da sein und mit einem Auftritt in der Fernsehsendung „Willkommen bei Carmen Nebel“ gestartet werden. Aber das Schicksal wollte es, dass die Sendung im Dezember schon dicht war. Deshalb mussten wir noch etwas warten.

Gut, aber eigentlich sind es so oder so 32 Jahre Bühne, denn Sie haben 1980 angefangen.

Wenn man es ganz genau nimmt: Okay. Aber da war ich noch Amateur.

Das Album, auf dem Ihnen so viele andere Musiker huldigen, heißt „Ich bin Heinz Rudolf Kunze“. Sehen Sie sich selbst mittlerweile ein bisschen auf dem Sockel?

Also: Auf dem Cover sieht man ein Kaleidoskop unserer Gesellschaft, ein Feuerwehrmann, ein Punk, ein Kind, eine schwangere Frau... Ganz unterschiedliche Leute, die auf ihren Bauchnabel zeigen und alle behaupten: „Ich bin Heinz Rudolf Kunze.“ Ich will damit sagen - a la Bono von U2: Heinz Rudolf Kunze ist eine ganze Menge nette Leute.

In einem der beiden neuen Songs, „Ich bin ich“, heißt es: „Und er empfand sich fast unerhört frei. Ohne Tamtam blieb er still und bescheiden.“ Ist das Ihr Selbstbild?

Achtung, das Lied ist in der Er-Form geschrieben, nicht in der Ich-Form. Ich bin da ein Erzähler. Insofern ist auch das für mich nur eine Rolle. Ich wünschte mir zwar schon, ich wäre so gelassen wie dieser Er in dem Lied, aber das trifft nicht immer zu. Das Lied ist für mich ein bisschen wie Pfeifen im Dunkeln.

Der erste Song ist „Dein ist mein ganzes Herz“. Den kennt quasi die ganze Nation, jeder kann ihn mitsummen. Ist der Über-Hit für Sie eigentlich noch frisch? Oder ist er das Ding, das man halt bringen muss?

Es wäre sehr unfair und ungerecht von mir, wenn ich darüber jammern würde, dass es dieses Lied gibt. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken. Es ist meine Gallionsfigur, die wirklich jeder kennt, selbst die, die sonst gar nichts von mir kennen. Darüber muss ich froh sein. Dass mir selbst viele andere Lieder mehr bedeuten, daraus habe ich nie einen Hehl gemacht. Aber natürlich spiele ich es nach wie vor, weil ich weiß, dass die Leute es hören möchten. Ich respektiere die Gefühle der Leute, die zu mir kommen.

Sie haben in den 90ern eine Initiative für deutsche Rockmusik angeführt...

Nein, nicht angeführt! Ich habe mich missbrauchen lassen als Klassensprecher!

Das Anliegen war, deutsche Rockmusik wieder mehr in die Medien zu bringen, zur Not auch sozusagen mit Gewalt, mit einer Quotenregelung. Hat sich da inzwischen nicht unglaublich viel getan, und zwar ganz freiwillig?

Natürlich. Ich habe damals die Kollegen sehr davor gewarnt, einen Kampf für eine Quote zu führen, bei dem man sich nur eine blutige Nase holen kann. Ich habe davon nichts gehalten, aber man hat mich gebeten, es trotzdem nach draußen zu vertreten. Und da ich schon in der Schule immer Klassensprecher war, hatte ich mich breitschlagen lassen. Wir hatten am Ende eine Resolution, die von 650 Popmusikern unterschrieben worden war. Später habe ich einige Jahre in der Enquetekommission des Bundestages „Kultur in Deutschland“ gearbeitet. Da habe ich gesehen, dass es keine Partei gibt, die sich eine Quoten-Forderung einhellig auf ihre Fahnen schreiben würde, sie ist hierzulande politisch nicht durchsetzbar. Aber ich gebe zu, es hat sich inzwischen sehr, sehr viel getan – auch ohne den Don-Quijote-Kampf, den die Kollegen damals gegen die Windmühlen der Medien ausfechten wollten. Die ganze Musiklandschaft hat sich geändert. Es ist unglaublich viel deutschsprachige Musik nachgewachsen, so dass die Medien irgendwann einfach nicht mehr an ihr vorbeikamen. So gesehen, hat sich das Problem in Luft aufgelöst.

Wir sind nun auch ein, zwei Generationen weiter. Die Jüngeren gehen unverkrampfter mit dem Thema deutsche Sprache um.

Ja, das ist tatsächlich so. Jüngere Jahrgänge haben kein Problem damit, wenn jemand in ihrer eigenen Sprache singt. Das war früher noch anders. Da gibt es eine Entkrampfung. Das ist gut so.

Dafür gibt es die vom Internet ausgelösten Probleme mit den Urheberrechten, die für Musiker existenzbedrohend sein können.

Richtig, die Windmühlen haben sich gewandelt und sehen heute anders aus. Ich finde es bedrückend, dass viele Menschen gar kein Schuldbewusstsein haben, wenn sie sich illegal Sachen runterladen. Das ist Diebstahl und nichts anderes.

Viele Musiker müssen deswegen vor allem mit Live-Auftritten ihr Geld verdienen. Warum aber spielen Sie viel mehr in Norddeutschland als im Rest der Republik?

Ich habe vor allem eine feste Basis in Nord-Ost-Deutschland. Im Westen habe ich einen Fuß in der Tür. Und im Süden allenfalls einen Zeh.

Woher kommt das?

Ich weiß es nicht. Ich bemühe mich seit 30 Jahren darum, und ich spiele auch immer sehr gerne im Süden. Aber es kommen einfach weniger Leute als in anderen Landesteilen. Ich bin zwar nicht der einzige, der dieses Schicksal hat, aber ich bedauere es trotzdem. Ich habe überhaupt nichts gegen die Leute im Süden, aber es ist einfach schwieriger hier für mich, Resonanz zu finden. Allerdings: Diejenigen, die hier auf meine Konzerte kommen, sind genauso gut drauf wie die woanders, aber es ist hier für mich alles eine Nummer kleiner. Ich würde gerne mehr im Süden machen. Doch da gibt es offenbar eine Mentalitätsbarriere, die meine Breitenwirkung einschränkt. Das bleibt für mich ein Phänomen. Es gibt einfach Geheimnisse, die man nicht lüften kann.

Heinz Rudolf Kunze: "Ich bin" (Ariola / Sony)

Veröffentlicht am: 27.02.2012

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