Christian Stückl wuchtet den „Stellvertreter“ auf die Bühne: Viel Diskurs, wenig Theater

von Barbara Teichelmann

Der teuflische Doktor ist der Gegenspieler des Jesuitenpaters Riccardo (Oliver Möller u. Pascal Riedel), Foto: Arno Declair

Als es gegen Ende des Abends zu regnen beginnt, kommt das einer kleinen Erlösung gleich: Endlich ein theatrales Mittel jenseits des Gesprochenen! Fast wäre man vertrocknet zwischen all den Wörtern, zwischen all den argumentativen Aufbauten, die Rolf Hochhuts Drama „Der Stellvertreter“ inszeniert, um logisch fiktiv und historisch fundiert aufzuzeigen, dass sich Papst Pius XII. schuldig gemacht hat, weil er lächerlich wenig bis nichts gegen die Massenvernichtung der Juden im Dritten Reich unternahm.

Als das „christliche Trauerspiel“ 1963, mitten in den munter verdrängenden und sorglos fetten Nachnachkriegsjahren, uraufgeführt wurde, löste es internationale und religionsübergreifende Tumulte und Debatten aus. Heute, fast 50 Jahre später, ist das Stück selbst zu einem historischen Dokument der deutschen Aufarbeitungsarbeit geworden. Es ist noch genauso wichtig und wahr wie damals, aber auch noch genauso sperrig und in seiner unerbittlichen Wortlastigkeit nur schwer auf die Bühne zu stemmen. Regisseur Christian Stückl hat das achtstündige Gedankenexperiment auf einigermaßen verträgliche drei Stunden runtergekürzt und es einer kritischen Prüfung unterzogen indem er fragt: Wie viel Gegenwart steckt in dem Stück? Und was kann es heute noch mit uns anstellen?

Die Schuld der Kirche beweisen

Ein Schreibtisch hinter dem anderen, darauf stapeln sich Bücher, alte und neue, dicke und sehr dicke. Dazwischen zwei Studenten in Jeans und Turnschuhen, der eine raucht, der andere schreibt an einer Arbeit über den Vatikan im Dritten Reich, und schon sind wir mitten in der Diskussion. Das ist der Ausgangspunkt, die Rahmenhandlung die Stückl sich ausgedacht hat: Zwei ganz normale Geschichtsstudenten vom Bibliothekstisch nebenan reflektieren Hochhuts Text und landen am Ende des Abends ganz grundsätzlich bei der Frage nach Gott. Der eine eher pro-Papst, der andere ganz klar anti-Papst und natürlich liegt eine aktuelle Ausgabe des "Stellvertreter" auf dem Tisch. Hochhut verfolgte ein klares Ziel: Er wollte die Schuld der Kirche beweisen. Stückl geht das Thema objektiver und damit differenzierter an, bringt auch entlastende Gegenargumente an – die sich aber recht schnell als verlogen erweisen.

Jesuitenpater Riccardo geht freiwillig ins KZ Ausschwitz (Pascal Riedel), Foto: Arno Declair

Und so setzt sich nach dem kurzen Stückl-Vorspiel Hochhuts ebenso gründliche wie schwerfällig Beweismaschinerie in Bewegung, die Handlung nimmt ihren langatmigen Lauf: Pascal Riedel, der zu Beginn den Studenten spielt, der das Verhalten des Papstes zu verteidigen sucht, übernimmt nun die Rolle des Jesuitenpaters Riccardo Fontana, der enttäuscht von der Untätigkeit des Papstes sich selbst in das Konzentrationslager Auschwitz deportieren lässt. Doch da das ganze ein historisch motiviertes Lehr- und Lernstück ist, bekommen wir von der Entwicklung des Charakters wenig bis gar nichts mit, es muss so viel geredet und erörtert werden, dass über die exemplarische Komponente der Figur hinaus kein Platz bleibt für etwas nachvollziehbar Menschliches. Und so fängt man erst gar nicht an sich für das selbstgewählte Schicksal dieses moralisch vorbildlichen Prinzips zu interessieren. Erst als er in Auschwitz angekommen, zitternd vor Ekel, Verzweiflung und Hass im Regen steht, und an sich, an den Menschen, an Gott, an allem verzweifelt, wird die Figur als Abbild eines Menschen aus Fleisch und Blut greifbar. Doch da ist es zu spät, denn zehn Minuten später ist der Abend vorbei.

Blutleere Argumentationsstichwortgeber

Der Doktor versucht Riccardo von der Nichtexistenz Gottes zu überzeugen (Oliver Möller), Foto: Arno Declair

Die Schauspieler liefern durch die Bank grandiose Arbeit ab und tun ihr Möglichstes, um der Sprödigkeit der Dialoge wenigstens ein bisschen Lebendigkeit zu entlocken, doch so viel Fleisch kann man an ein Skelett gar nicht hinspielen, als dass es irgendwann lebendig wirkte. Nur der zynische Doktor mit der lächerlich braven Bubifrisur ist auf so pervers-impertinente Weise bösartig, dass etwas Stimmung aufkommt. Zum einen ist das Oliver Möllers Verdienst, der dem Teufel im Arztkittel eine eiskalt verhaltene Abgründigkeit verleiht, zum anderen liegt das an der Rolle, denn zwischen all den blutleeren Argumentationsstichwortgebern in Uniform oder Soutane ist der Gegenspieler des guten Riccardo der einzig faszinierende Charakter. Dass die bösen Rollen die interessanten sind, das war schon immer so.

„Der Stellvertreter“ ist ein Theaterstück, das die Möglichkeiten des Theaters ignoriert. So ist es kein Wunder, dass die Inszenierung im Volkstheater eher wort- denn bildgewaltig geraten ist: Tische, Bücher, später ein paar Koffer, noch später Regen und irgendwo dazwischen wirft Riccardo ein paar Tische um und malt sich einen Judenstern auf die Brust – die theatralen Mittel von Bühnenbild über Requisiten, Kostüm und Bühnenbild sind schlicht, und werden nur spärlich eingesetzt, außer reden und ab und an verzweifelt die Faust ballen, dürfen die Charaktere nicht viel.

Stückl fügt dem nichts hinzu, sorgt für elegante Übergänge und lässt das Stück ansonsten ­in seiner Kernsubstanz unangetastet. Aber am Ende steht bei ihm nicht die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Stellvertreters, sondern die Theodizeefrage selbst: Warum hast Du das zugelassen? Warum hast Du uns verlassen? Wo bist Du? Gibt es Dich überhaupt? Die Antwort lautet: Theater sollte man nicht unterforden – auch nicht, wenn es um das Dritte Reich und den Vatikan geht.

 

Nächste Vorstellungen des "Stellvertreters" am 30. und 31. Januar im Volkstheater.

 

 

Veröffentlicht am: 26.01.2012

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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