„Die Angst ist ärger als die Strafe“

von kulturvollzug

Die Münchner Kammerspiele begeistern mit der Premiere von Stefan Zweigs Erzählung "Angst" das Publikum. Allen voran die Niederländerin Elsie de Brauw in ihrer ersten Rolle an den Kammerspielen. Sie spielt die untreue Ehefrau, bereit alles zu tun, um ihr Geheimnis zu bewahren

„Irgendwo muss eine Lüge sein“, verzweifelt Irene, die durch eine Erpresserin bedroht wird. Den Liebhaber, der sie erpressbar macht, opfert sie sofort. Aber die Angst vor Entdeckung und dem Verlust ihrer „behaglichen, breitbürgerlichen, windstillen Existenz“ treibt sie fast in Wahn und Selbstmord. Die Lüge steckt in Irene selbst, die ihrem Mann um keinen Preis die Affäre eingestehen will. Mit der Rolle dieser zerrissenen Frau gab der niederländische Theaterstar Elsie de Brauw seinen Einstand als neues Ensemble-Mitglied der Kammerspiele. Jossi Wielers feinnervige Inszenierung von Stefan Zweigs Novelle „Angst“ wurde als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen schon im Sommer in Salzburg gefeiert. Nun hatte sie München-Premiere, und der Jubel für Elsie de Brauw, die erstmals bravourös eine Rolle in Deutsch erarbeitete, war gewaltig. In Andrè Jung als fürsorglichem Ehemann mit Hintergedanken hatte sie einen ebenbürtig brillanten Partner.

Der Wiener Freud-Verehrer Stefan Zweig, für den die Psychologie eine Passion war, schrieb diese Erzählung 1913. So kann man die subtile Innenschau einer Frau, die ihr Leben zerbrechen sieht, vielleicht auch als Angst der k.u.k-Monarchie kurz vor dem Ersten Weltkrieg vor dem Zusammenbruch durch innere Aushöhlung und Zerfall gesellschaftlicher Normen lesen. Regisseur Jossi Wieler bleibt jedoch zeitlos dicht an der individuellen Psychologie der Figuren. Irene leistet sich nach 12 Jahren Ehe-Routine ohne schlechtes Gewissen den Kick eines Abenteuers mit dem Bohème-Künstler Eduard (Stefan Hunstein sorgt als emotionaler Liebhaber für wunderbar komische Momente). Bis die Erpresserin auftaucht und dreist von Mal zu Mal mehr fordert: Katja Bürkle, anfangs proletarisch in Jeans, gleicht sich Outfit allmählich Irene an, hat plötzlich deren Frisur. Bürkle spielt gleichzeitig gebückt schleichend und verkrampft das aufmerksame Dienstmädchen im Hause Wagner - das schien in Salzburg noch Anspielungen auf die Erpresserinnen-Figur zu haben, die sich jetzt in München verloren haben.

Im Hause Wagner dominiert als Pater familias der angesehene Anwalt Fritz: ein liebevoller Ehemann und Vater, der gern mit den beiden Kinder spielt und auf die Einhaltung der häuslichen Ordnung achtet. Als Jurist weiß er um den Wert moralischer Hygiene, den er seinen Kindern nach einem Streit mit einer privaten Gerichtsverhandlung demonstriert. Und verdeckt unablässig auch von seiner Frau einfordert: „Die Angst ist ärger als die Strafe“, sagt er. Sie will das nicht verstehen, sondern fragt sich, ob er wohl auch verzeihen könne. Wunderbar spielt Andrè Jung auf diesem Grat zwischen treusorgendem Glücksbewahrer und unterschwelligem Sadisten - wer Zweigs Text nicht kennt, entziffert diesen Sadismus allerdings erst rückwirkend nach der überraschenden Schlussvolte.

So wie Koen Tachelet in seiner Textbearbeitung Erzählung und direkte Rede ineinander übergehen lässt, lassen die Bühnenwände von Anja Rabes durch Sichtschlitze und Öffnungen Innen und Außen íneinander gleiten. Und genauso zeigt Regisseur Jossi Wieler mit der immer wieder optisch überraschenden Inszenierung die Durchdringung von Psyche und Umwelt - mit einem glänzenden Schauspieler-Quartett.

Gabriella Lorenz

Weitere Termine und Informationen finden Sie hier: http://www.muenchner-kammerspiele.de/programm/premieren/angst/

Veröffentlicht am: 08.11.2010

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