Spielart zeigt das Performical „Trans-Europa-Bollywood“: Leben und Kunst haben sich, eh’ man es denkt, gefunden – darauf ein frenetisches Dum Dum Laka Laka!

von Barbara Teichelmann

Mitmachen erwünscht: Bollywood-Dreh mit Musik und Tanz, Foto: Veranstalter

Der erste Schnaps war fällig, bevor es in den gruselig ratternden Beamerflugapparat ging. „Zur Beruhigung“, hat der Mann im schwarzen Anzug gesagt. Den zweiten Schnaps gab es am Flughafen in Bombay. „Als Willkommensgruß“, hat der Mann in der gestreiften Pluderhose gesagt. Ich bin beinahe von einer fliegenden Unterhose getroffen worden, habe mehrmals die Filmklappe für Szene 17 knallen und mir einen indischen Punkt ins Gesicht kleben lassen. Außerdem habe ich zwei Datteln gegessen und den Kassettenrecorder gehalten. Es kann mir also keiner vorwerfen, mich nicht beteiligt zu haben – dabei habe ich wirklich nur das Allernötigste mitgemacht. Und der Wiener Theatertruppe Gods Entertainment kann keiner vorwerfen, ihr Performical „Trans-Europa-Bollywood“ sei  zu kopflastig.

Pa–di–pa–dup. Mit diesem Geräusch und einer sportlichen Irritation in Form zweier Ping-Pong spielender Männer beginnt der Abend. Kaum hat sich das Publikum eingerichtet und die Klamotten verstaut, folgt auch schon der erste Ortswechsel. Also Klamotten einpacken und ab in den nächsten Raum, Sitzplatz suchen, Klamotten verstauen, sich umschauen. In der Mitte des Raumes steht ein großer weißer Kasten, gefüllt mit etwas Weißem. Auf einer kleinen Leinwand kann man lesen, dass der junge Inder Gibril gerade nach Europa gekommen ist und sich wie in einem Bett aus Zucker wähnt, denn er ist frisch verliebt in ein Mädchen und in die verheißungsvollen Möglichkeiten, die ihm diese neue Welt bietet.

Auf zwei großen Leinwänden ist zu sehen, wie sich in der Kiste etwas regt, ein Bein wird sichtbar, ein Gesicht, ein Arm, noch ein Gesicht. Zucker rieselt von den nackten Körpern, Gibril umarmt seine Geliebte, die Küsse schmecken süß. Doch der Text auf der Leinwand erzählt, dass auch dieses Glück leider ein Loch hat, weil Rekha, also die Geliebte, die Freundin des besten Freundes ist. Das ist natürlich nicht so schön, aber auch nicht weiter tragisch. Das Leben geht weiter, Gibrils Geschichte auch, er verliert seinen Job, und weiß nicht mehr, ob er Europa weiterhin so toll finden soll. Also bekommt er Heimweh nach den traditionellen indischen Werten und dann fallen ihm auch noch seine Eltern ein, bei denen er sich monatelang nicht gemeldet hat. Aber das alles ist ebenfalls nicht weiter tragisch, weil es nur per Text auf der Leinwand runtererzählt wird. Bis auf ein paar illustrierende Schauspielhäppchen, Musik- und Tanzeinlagen wird uns weder Gibril noch sein Schicksal näher gebracht. Aber als er beschließt, in seine Heimat zurückzukehren, dürfen wir, das Publikum, mit ihm reisen.

Wilkommen in Europa: Gibril liegt in einem Bett aus Zucker, Foto Veranstalter

Ein Quiz! Ein Quiz! Und wer die richtige Antwort weiß, gewinnt ein Flugticket nach Bombay. Eins, zwei, oder drei – du musst dich entscheiden. Erstaunlich viele Zuschauer haben keine Mitmachangst, sondern -lust und stürmen die Bühne. Wie viele Kühe leben in Indien? Keine Ahnung? Die nächste Frage: Hat sich Gibril bei seinem Aufenthalt in Europa a) mit einem trockenen, oder b) mit einem feuchten Toilettenpapier den Arsch abgewischt? Oder hat er c) seine linke Hand und einen Kübel Wasser benutzt? Ob du Recht hast oder nicht, sagt dir gleich das Licht.

Ortswechsel. Kaum zu glauben wie viele Räume die Muffathalle in sich birgt. Die Flugticketgewinner werden samt Gepäck zum Flughafen gebracht, der Rest steigt in den Beamerflugapparat und landet in Bombay, was offensichtlich ein Synonym ist für Mitmachtheater – denn ab sofort schmeißt das Publikum den Abend, Gibril ist verschwunden. Oder ist jetzt das Publikum Gibril? Wer weiß. Wer Spaß daran hat oder sich nicht wehrt, wird mit indischem Seiden- und Glitzerzeugs behängt und der Tanzgruppe zugeteilt. Dum-Dum-Laka-Laka heißt das Lied, der Tanz sieht ähnlich albern aus. Der Spaßpegel steigt. Aber jetzt mal Ernst, denn eigentlich wird hier und jetzt eine Filmszene  gedreht, eine Bollywood-Filmszene, der Regisseur fuchtelt und schreit hinter seiner pappkartongebastelten Kamera. Drei Mal muss die Szene wiederholt werden, unter lautem Gelächter und fliegendem Reis. Auf der Filmklappe steht Lars von Trier und wenn das Dum-Dum mal kurz Pause macht, hört man im Hintergrund den Soundtrack zu David Lynchs mysteriöser TV-Serie „Twin Peaks“ laufen. Wer deshalb auf verstörende Irritationen hofft, der kann sich bereits als irritiert bezeichnen.

Nochmal Ortswechsel, und diesmal gründlich. Draußen stehen Busse und Taxis, die Publikum und Performer in ein indisches Restaurant schaukeln,  dort vermischen sich dann Performance und Leben, Mango-Lassi, pa-di-pa-dup und Dum-Dum-Laka-Laka endgültig zu einem großen Es-ist-alles-möglich-Ende. Vorausgesetzt man macht mit. Wenn dieser Abend eine Botschaft transportieren wollte, was nicht sicher ist und auch nicht sein muss, dann könnte es so was wie „Mach mit, sonst passiert nämlich nichts“ sein. Das Performical „Trans-Europa-Bollywood“, eine Mischung aus Peformance und Musical, ist ein Spaß in drei Teilen: Am Anfang steht die Fiktion, Gibrils Geschichte, beim Bollywooddreh in Bombay werden Realität und Fiktion miteinander verflochten und in dem indischen Lokal kann man dann gemeinsam herausfinden, ob die Realität die Fiktion, oder die Fiktion die Realität frisst. Leben und Kunst miteinander kurzzuschließen und dabei ein bisschen Absurdität zu produzieren, ist keine neue, wäre aber eine durchaus tragfähige Idee für einen Abend. Doch dieser theoretische Überbau geht völlig unter in Dum-Dum-Laka-Laka, Ortswechsel und Mitmachzeugs. Aktion frisst Abstraktion. Aber dafür ist die ganze Zeit volle Pulle was los.

„Amüsiert hab ich mich auf jeden Fall“, meint eine Dame im Bus. Ja, dieser Abend macht Spaß. Aber das war’s dann auch. Ping und Pong, Aktion und Gegenreaktion, und weil man einen Kopf aufhat mit Phanasie und Abstraktionsvermögen drin, muss man München nicht verlassen, um nach Bombay zu kommen. Gut. „Keine Angst, das ist nur Theater“ hat ein Schauspieler auf sein T-Shirt geschrieben. Angst brauchte man wirklich keine zu haben, aber all dem lustigen Gehopse und munteren Umhergereise zum Trotz ergeht es einem am Ende ähnlich wie Gibril: Es bleibt das Heimweh nach traditionellen Werten – wie zum Beispiel Inhalt.

 

 

Nächste Vorstellungen von „Trans-Europa-Bollywood“ am 25.11. um 19 Uhr in der Muffathalle.

Veröffentlicht am: 25.11.2011

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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