Vier Killer im Rausch der Extreme: “Mostly Other People Do the Killing” lösen im Atlantis-Kino alle Musikstile auf

von kulturvollzug

Jazz-Wunder mit Schnapsflasche sucht Basstrommel: Mostly Other People Do the Killing. Foto: MOPDTK

Eine Basstrommel für seinen Münchner Auftritt hatte dem selbsternannten „weltbesten Schlagzeuger“ Kevin Shea noch vor kurzem gefehlt. Doch wie es beim Konzert des New Yorker Quartetts „Mostly Other People Do the Killing“ im Atlantis-Kino aussah, hatte er noch rechtzeitig eine aufgetrieben. Und er machte von ihr auch nicht zu knapp Gebrauch. Ähnliches traf auch auf die anderen drei Musiker der Truppe zu: Wenn, dann extrem. Egal, ob laut oder leise, tief oder hoch, wichtig ist: Ausreizen bis zum Äußersten. Zwischentöne sind unerwünscht.

Ob das im landläufigen Sinne „schön“ klingt, sei jedem selbst überlassen. Auf jeden Fall ist es meisterhaft, virtuos, innovativ. Und ja, es ist humorvoll. Man kann über das Münchner Jazzpublikum denken, was man will: Aber die, die sich trauten, hatten eine Menge zu Lachen. Denn diese Extreme wirkten niemals brachial oder verschüchtert, sie wurden bewusst eingesetzt.

Selbst dann, wenn man als Hörer endgültig den Überblick verlor, jegliches Formempfinden sich auflöste und jeglicher Wille, das Arrangement zu begreifen den Bach runterging, weil man nicht mehr ahnen konnte, was der nächste Ton bringen wird, dann legten die Vier die Instrumente weg, grinsten ins Publikum, und versanken im Applaus. Bassist Moppa Elliott kündigt eine weitere Eigenkomposition an, die wie alle anderen auch nach einer kleinen Stadt in Pennsylvania benannt ist. Und weiter geht es, mit Peter Evans an der Trompete, der in einer unheimlichen Art und Weise sehr klassische Bebop-Lines mit Ansatz-Experimenten verbindet, wie man sie nur selten hört.

Saxofonist Jon Irabagon steht seinem Kollegen in nichts nach, denn beide spielen weniger, als dass sie sprechen. Nicht selten passiert es, dass sie in fetzenartigen Linien wild aufeinander einreden, und auf einmal gesellt sich die Trompete zur Rhythmusgruppe und bildet im Unisono mit Schlagzeug und Bass die Grundlage für eine wundervolle Saxofonmelodie. Irabagon spielt sie mit geschlossenen Augen in einer meditativen Ruhe, er bewegt sich kaum, egal wie viele Noten da aus seinem Horn kommen. Anders als Elliott, der bei seinem Solo keucht und schwitzt, als würde ihn seine Virtuosität unheimliche Kraft kosten. Shea begleitet ihn mit einem Stick genau auf den Punkt, setzt mit der anderen Hand seine Brille auf und die Schnapsflasche an die Lippen. Er legt den einen Drumstick auch noch weg, die beiden Bläser übernehmen das „Schlagwerk“, Evans spricht Silben in sein Mundstück, das Saxofon gibt quietschend und grunzend seinen Senf dazu und Elliott begibt sich in die Schneehöhen seiner Flageoletts.

Dann eine klar geblasene Line, das kontrapunktisch fortgesetzte Thema, das an einen der Pioniere dieser Bandbesetzung erinnert: Gerry Mulligan. Shea wechselt den Takt, man hört den Great-Guitars-Klassiker „Broadway“ durchblitzen, Irabagon deutet mit sich abwechselnden Melodielinien eine Zweistimmigkeit an, ein Ausflug in den Frühbarock.

Am Schluss wieder ein Grinsen, Gelächter, Applaus und „We’ll play another tune I wrote which is named after a small town in Pensylvania.“ Auch wenn ihrer Meinung nach die Anderen das Töten übernehmen, hier haben sich vier Killer gefunden.

Clara Fiedler

Veröffentlicht am: 18.07.2011

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