„Die Zukunft der Tradition – die Tradition der Zukunft“

von kulturvollzug

[caption id="attachment_1297" align="alignright" width="180" caption="Tala Madani Rip Image, 2006 Foto: Haus der Kunst"]Tala Madani Rip Image, 2006 Foto: Haus der Kunst[/caption]Das Münchner Haus der Kunst knüpft an eine epochemachende Ausstellung von 1910 an und präsentiert 29 zeitgenössische Künstler aus dem islamisch geprägten Kulturraum.

Das Münchner Kindl hat statt der Mönchskapuze einen Fes auf und raucht Wasserpfeife. So humoristisch und angstfrei warb man 1910 auf einem Wiesn-Bierkrug für die Mammut-Schau „Meisterwerke der muhammedanischen Kunst“, die damals mit 3600 Objekten das Spektrum der Kunst aus der islamischen Welt auf dem Alten Messegelände präsentierte. 2010, während Deutschland in einer Polemik über Islamisierung und misslungene Integration verhärtet, fehlt solch plakative Pointierung: Haus-der-Kunst-Chef Chris Dercon und sein Kuratorenteam schreiben das progressive Projekt von einst vorsichtig in die Gegenwart fort. Das Ergebnis ist eine sehenswerte Ausstellung, die mehr auf Sophistication als auf Zuspitzung setzt. Einen Skandal wollte man nicht riskieren.

Und so ist auch der „muhammedanische“ Mantel eigentlich irreführend, denn der Islam bildet bei den Arbeiten von heute vor allem den kulturellen, weniger den religiösen Hintergrund. Thema ist vielmehr die reizvolle und vielschichtige Andersartigkeit der arabischen Kultur - und ihre Dialogfähigkeit mit der Kunst des Westens.

[caption id="attachment_1283" align="alignleft" width="225" caption="Rachid Koraïchi Les Maitres invisibles / The Invisible Masters Foto: Haus der Kunst"]Rachid Koraïchi Les Maitres invisibles / The Invisible Masters Foto: Haus der Kunst[/caption]

Der steinernen Wucht des Hauptsaales setzt der ägyptische Architekt Samir el Kordy textile Leichtigkeit entgegen: Mit von der Decke abgehängten Stoffbahnen verwandelt er die Macht-Architektur in ein verwinkeltes Labyrinth, in dem 30 Exponate aus der historischen Schau die Gegenwartskunst ergänzen. Darüber schweben 99 Banner des aus Algerien stammenden Rachid Koraichi. Mit „Die unsichtbaren Meister“ setzt er auf geistige Monumentalität: In die schwarzweißen Stoffbahnen sind Sufi-Weisheiten eingewebt.

Übersetzungsarbeit leistet die gebürtige Libanesin Mounira Al Solh mit ihren Videos „Die stumme Sprache“, die arabische Sprichwörter bildlich darstellen.

Und im Raum der Khatt Foundation beginnen die Zeichen zu tanzen: Milia Maroun kleidet Models als lebende Buchstaben ein; Bahia Shebab webt einen imposanten Vorhang, auf dem tausendmal das Zeichen für „Nein“ steht.

Spätestens hier wird die noch immer zentrale Bedeutung der Kalligrafie deutlich. Doch der westliche Besucher bleibt Analphabet: Etwas mehr Hinführung an die arabische Schrift wäre hier keine museumspädagogische Bevormundung.

Nicht nur beim Algerier Kader Attia, der seine Mutter Spiegelscherben statt Couscous-Körnchen sieben lässt, auch in den Skulpturen und Wandarbeiten der Iranerin Monir Sharoudy Farmanfarmaian wird die Tradition des Spiegels als ästhetisches Mittel wie als Bedeutungsträger sichtbar.

[caption id="attachment_1277" align="alignright" width="225" caption="Emre Hüner, Panoptikon, 2005 Foto: Haus der Kunst"]Emre Hüner, Panoptikon, 2005 Foto: Haus der Kunst[/caption]

Tala Madanis Malereien sind so drastisch wie eindrucksvoll, ebenso Emre Hüners Animation „Panoptikon“, eine überbordende Bosch-Groteske vom Bosporus. Akram Zaataris „Studio Scheharazade“ bewahrt ein Stück faszinierende Realität aus dem Libanon vor dem Vergessen und der Palästinenser Wafa Hourani macht in der nur auf den ersten Blick niedlichen Installation „Qualandia“ aus dem Wahnsinns-Wall im Westjordanland eine ironisch-optimistische Farce. Und setzt damit auf das wirkungsvollste, weil durch alle Fremdheit hindurch spürbare Element in dieser Schau: Humor hilft auch im Morgenland als letzte Rettung vor dem Mittelalter.

 

Roberta De Righi

Veröffentlicht am: 12.10.2010

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