In diesem Casino zahlt man mit schierer Ausdauer: Aus zwei Dostojewski-Romanen hat Christiane Pohle für das Stück „Spieler“ am „Pathos“ in München eine schwer zu verarbeitende Collage gebastelt

von Michael Weiser

Spielsucht, Schulden, Selbstmitleid: Marie Jung und Cora Frost (von links) in "Spieler". Foto: Franz Meiller

Auch der Theatergänger ist ein Gewohnheitstier: Vorher hat länger zu sein als Nachher. Wenn das Stück nach der Pause länger dauert als der Abschnitt vor der Pause – dann ist man irritiert, wenn auch geneigt, das Ganze als heilsamen Bruch der Sehgewohnheiten zu verbuchen. Es kann ja auch anregend sein, wenn nach der Pause noch richtige Knaller aufs Publikum warten. Harte Arbeit wird derlei jedoch bei einem zweiten Teil, so spröd und schwierig nachzuvollziehen wie bei Christiane Pohles „Spieler“ nach zwei Romanen von Fjodor Dostojewski. Der Abend im „Pathos“ München, eine Kooperation mit dem Theater Basel, kostet viel Kraft und noch mehr Konzentration.

Ist ja auch gewagt, auf den verhältnismäßig gradlinigen „Spieler“ den „Grünen Jungen“ draufzupacken, diese kompliziert-verschachtelte Vater-Sohn-Geschichte. Im ersten Abschnitt, in schön schäbiger Casino-Umgebung (Bühne Duri Bischoff), trifft Pohle den fieberhaften Ton des Bekenntnisromans von Dostojewski. Der Moskauer wusste zu gut, von was er erzählte, er kannte sein „Roulettenburg“. An seine Frau Anna Grigorjewna schreibt er aus Wiesbaden einen Brief: „Du verstehst natürlich, ich habe alles verspielt, alle dreißig Taler, die du mir geschickt hast.“

Spielsucht, Schulden, Selbstmitleid: Dementsprechend desperat ist das Personal, das sich im Roman, beziehungsweise auf der Bühne versammelt: Alle bereit, sich bis aufs letzte Hemd auszuziehen, der eine oder andere hat es gar schon verloren. Eine verbissene Stimmung liegt in der Luft, wer hier raus will, hat die richtige Kombination an der Sicherheitstür einzutippen. Ist ohnehin vergebene Liebesmüh, das Personal kehrt stets postwendend durch die Drehtür oder durch den Durchgang am anderen Saalende zurück.

Das Piepsen der Code-Tastatur ist der Running Gag der ersten Hälfte. Es ist allerdings nicht der einzige Tick: Große Gewinne – sie binden den Spieler um so enger ans Spiel – werden mit Faschingströten angekündigt. Außer Andreas Pattons Figur des Alexej Iwanowitsch Werssilow ist jeder eine Karikatur. Jörg Wittes Mr. Astley knickt in der Hüfte ein und stakt mit dem Oberkörper, dass englische Steifheit dagegen wirkt wie ausgelassene Biegsamkeit. Rainer Süßmilchs stets ertappt wirkender Des Grieux wirkt wie Inspektor Clouseau. Der General (Jörg Schröder) teilt noch Belangloses in roher Lautstärke mit, die seine abgrundtiefe Verzweiflung ahnen lässt. Der Feldherr hat, so scheint es, seine Schlacht um die Finanzen verloren. Immerhin darf er noch auf eine Liasion mit Mademoisselle Blanche hoffen (Carina Braunschmidt). Selten hat man Sex so lieblos-mechanisch gesehen wie zwischen der Casinodame und dem General – was ist Geschlechtsverkehr schon, was sogar Geld, wenn's um den Kick des Spiels geht.

Ätherisch-schlafwandlerisch dagegen Generalstochter Polina (Marie Jung); sie hat noch am meisten Möglichkeiten, sich aus dem Tal der Tränen zu retten. Irgendein Mann wird sich schon um sie kümmern. Und dann ist da ja noch die reiche Erbtante. Cora Frost spielt diese Antonida als zynische Patriarchin, die mit geradezu berserkerhafter Wut der Spielsucht verfällt. Sie verzockt alles, nun heißt es für die anderen: Nichts geht mehr.

Ein Bild gemacht von der Verwirrung: Pascal Lalo, Jörg Schröder (von links). Foto: Annina Züst

Es ist ein Hotel California der Spielsüchtigen, schäbig zwar, aber immerhin: Es gibt noch Geld. Als Spieleinsatz wird’s geschreddert, woraufhin Zahlenfolgen auf der Anzeigetafel blinken. Dieses Roulett wirkt dann doch eher wie die irre Uhr für einen Countdown. „Morgen ist alles vorbei“, sagt Werssilow, und wirft, schließlich verschleudert der Russe an sich jedes Vermögen, Chips in die Luft. Keine Spielchips, nein, Kartoffelchips.

Ist's bis dahin zwar mitunter vorhersehbar, aber kurzweilig, muss man sich in der zweiten Hälfte auf schwere Kost einstellen. Man merkt den Willen zur Künstlichkeit, verheddert sich dennoch in einem Figurenballett, das man auch bei Jon Fosse findet, und in einem Textgewebe von der Art, mit der Elfriede Jelinek das Auditorium zuzudecken pflegt, Textschleifen inklusive. Vor noch schäbigerer Kulisse hasten die Akteure hin und her, werfen sich gegen die Wand, verschwinden hinter Türen, um möglicherweise bald wieder aus einer Luke in der Wand zu schauen, schmeißen Blumentöpfe auf den Boden, oder fangen hinterm Schaufenster mit Jazzmusik an. Währenddessen summt Cora Frost im Hintergrund, sie dudelt, spricht Textzeilen nach, schreit – es ist offenbar ein Orkan an Stimmen, der in Arkadijs Kopf tobt.

Keine Aktion kommt so zustande, keine Kommunikation. So kann man das grundliegende Missverstehen unter den Menschen, die Verstiegenheit eines Elenden schon illustrieren. Aber man riskiert auch, dass der Zuschauer der Geschichte nicht mehr folgt. Ähnlich riskant ist der Einfall, den Vater als geläuterten alten Mann und als Spieler agieren zu lassen: Irgendwann droht sich beim Zuschauer Verwirrung breitzumachen. Lag's am überkandidelten Konzept, lag's an Konzentrationsschwächen auch der Schauspieler? Der Funke jedenfalls wollte bei der Premiere nicht überspringen.

Pascal Lalo spielte den jungen Arkadij Dolgoruki, den Sohn des Spielers, mit fiebriger Verve. Das war schon sehr eindrucksvoll, und irgendwann nimmt man als Zuschauer automatisch an der Konfusion dieses Getriebenen teil. Denn was Verwirrung heißt, davon hat man sich nun mal auf jeden Fall ein Bild gemacht.

Veröffentlicht am: 09.10.2010

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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